Romantische Liebe: Warum sie nicht immer da war und wieso sie vielleicht verschwindet?

Ob man sich nun das neuste Album eines weltberühmten Sängers anhört oder es sich abends mit Netflix gemütlich macht: Kaum etwas wird in der Musik- und Filmwelt so oft thematisiert wie die romantische Liebe. Im echten Leben hingegen hat sich die Anzahl der Eheschliessungen pro 1000 Einwohner in der Schweiz von 7,7 im Jahre 1900 auf 5 im Jahre 2016 reduziert.  Unzählige gut genutzte Onlinepartnerbörsen versprechen das ganz grosse Beziehungsglück und ziehen aus diesem Versprechen auch gleich einen hohen kommerziellen Nutzen. Wie steht es um die romantische Liebe? Wir scheinen uns irgendwie nach ihr zu sehnen, sind bereit viel Zeit in die Suche nach dem grossen Glück zu investieren und doch: Im Alltag scheitern wir nicht selten dabei, diese Liebe zu finden oder leben.

So entstand die romantische Liebe

Wie ist die romantische Liebe eingentlich entstanden? Der Soziologe Holger Herma weist darauf hin, dass oft vergessen gehe, dass die romantische Liebe ein historisch entstandenes Kulturmuster sei, das sich erst in den letzten Jahrhunderten entwickelt habe. So wurde die Liebe innerhalb einer Ehe bis ins 18. Jahrhundert als kameradschaftliches Gefühl aufgefasst, von Romantik keine Spur. Das romantische Liebesideal, wie es heute in unsere Gesellschaft dominiert, erschien im 18. Jahrhundert nach und nach zuerst in der englischsprachigen und bald darauf in der deutschen Literatur. Vor allem im Roman «Lucinde» des Romantikers Friedrich Schlegel erkennt man die Grundzüge und Merkmale der romantischen Liebe. Die Literatur also, brachte uns unser neues Liebesideal, das sich ab dem 19. Jahrhundert langsam in unserer Kultur zu etablieren begann.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde die romantische Liebe von der allgemeinen Säkularisierung der Gesellschaft beeinflusst. Christlich geprägte Werte wie Selbstlosigkeit und vollkommene Hingabe waren im Liebesdiskurs nicht länger von Bedeutung. Gleichzeitig löste die Romantik die Religion als wichtiger Mittelpunkt des alltäglichen Lebens ab und begann als Wert an sich zu gelten. Private Liebesbeziehungen und Eheschliessungen wurden direkt mit grossem Glück verbunden. Diese Vorstellung von Glück hat die Massenkultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgegriffen, einhergehend mit ihrer Vermarktung. In ihrem Buch „Der Konsum der Romantik“ analysiert die israelische Soziologin Eva Illouz das Zusammenspiel vom Ideal der romantischen Liebe und dem Kapitalismus. Unter Historikern sei man sich einig, dass die romantische Liebe dem Kapitalismus vorausgegangen, aber um 1900 von den Praktiken und der Bedeutung des Konsums durchdrungen worden sei, so Illouz. Der Soziologe Niklas Luhmann schliesslich sieht den Einzug der sexuellen Leidenschaft in den Liebesdiskurs als bedeutender Punkt für unser heutiges Liebesverständnis: Die Befriedigung sexueller Lust wurde im Laufe de Zeit an die affektiven Gefühle gebunden.

Liebe gibt uns Anerkennung und Selbstwert

Heute wird Liebe in unsere Gesellschaft – im Gegensatz zum 18. Jahrhundert – als einziger Weg in eine wahre Ehe aufgefasst, genauso wie eine aus dieser Ehe resultierende Elternschaft neu als Vollendung der Liebesbeziehung angesehen wird. Eine Ausnahme bilden hier religiöse Gemeinschaften, in denen es immer noch zu arrangierten Ehen kommt. Dabei wurden Dauerhaftigkeit und Treue zur Voraussetzung für die Liebe. Als letztes Merkmal der romantischen Liebe schliessslich wird in der Soziologie die hohe Individualität der Liebenden herausgearbeitet, also, die Einzigartigkeit eines geliebten Individuums. Die Liebe werde erst durch die vollständige Ausrichtung auf die Einzigartigkeit des Anderen zur echten romantischen Liebe, schreiben etwa Niklas Luhmann oder Georg Simmel. Die Tatsache, dass eben gerade diese Einzigartigkeit des Individuums geschätzt werde, mache die Liebe zur zentralen Kraft der Anerkennung und Bestätigung von deren Zielperson. Das heisst: Liebe gibt uns Anerkennung und die Möglichkeit, uns als Individuum vollkommen angenommen zu fühlen. Liebe macht uns zu einer Person, die wichtig ist.

Auf diesen letzten Punkt geht Eva Illouz in ihren Büchern vertiefter ein. Die zunehmende Entwertung der vormodernen gesellschaftlichen Normen habe von einer Liebesvorgabe zu einer Liebeswahl geführt. Die Liebe diene heute längst nicht mehr materiellen Interessen, sondern emotionaler Befriedigung. In der vormodernen Gesellschaft waren der soziale Status und damit die Verortung jedes einzelnen in der Gesellschaft klar. Mit Beginn der Moderne, Ende des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts, begann laut Illouz hingegen eine grosse Ungewissheit über die eigene Geltung. Der Selbstwert musste anderswo bestätigt werden können, da der gegebenen soziale Status stark an Bedeutung verlor. Von nun an war und ist die Liebe dafür zuständig, den Individuen die Anerkennung zu geben, die sie zur Definition ihres Selbstwertes benötigten.

Wahlfreiheiten lassen uns nach dem Allerallerbesten streben 

Gleichzeitig aber brachte die Moderne die Individualisierung der Gesellschaft mit sich. Das bedeutete einerseits, dass sich aufgrund des zunehmenden Verschwindens von Glaubensgemeinschaften, Ständen und Zünften für den Einzelnen viele neue gesellschaftliche und soziale Freiräume ergaben. Andererseits brachte diese
Freiheit grosse Verantwortung mit sich: Durch die neuen Wahlfreiheiten innerhalb der  modernen Gesellschaft musste der Einzelne sein Leben alleine bestimmen. Falls dies nicht gelang, musste der Schaden von nun an selber getragen werden. Das führte dazu, dass die Individuen vorausplanen, abwägen, vergleichen und auf Chancen zum eigenen Vorteil warten. Dasselbe Verhalten lässt sich seit einigen Jahrzehnten auch in Bezug auf die Liebeswahl beachten: Die heute 30-Jährigen haben signifikant mehr Beziehungen geführt als die heute 60-Jährigen bis zu ihrem 30. Lebensjahr. Das zeigen verschiedene Statistiken. Zudem versprechen zahlreiche Online-Partnerbörsen Suchenden, eine idealpassende Partnerin oder einen idealpassenden Partner zu finden. Diese beiden Tatsachen sprechen für eine grössere Unsicherheit bezüglich der Partnerwahl sowie für eine andauernde Suche nach «Besserem».

Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass Illouz von einer Entzauberung der romantischen Liebe in der Gegenwart spricht. Das Ideal der romantischen Liebe vertrage sich grundsätzlich nicht mit unserem starken Bedürfnis nach Autonomie. In einem Interview mit Zeit Campus verdeutlicht die Soziologin, dass die romantische Liebe zwar in unseren Fantasien bestehen blieb, von den meisten Menschen heutzutage aber nicht mehr ausgelebt werden will. So habe sich sogar der Diskurs in Unterhaltungsmedien gewandelt und Liebe werde oftmals ironischer und Liebesbeziehungen als vor allem problematisch dargestellt. Ob dem tatsächlich so ist, müsste wohl weitergehend analysiert werden. Aber Hand aufs Herz: Zumindest auf Tinder und Co. begeben wir uns nicht auf die Suche nach der grossen romantischen Liebe, da geht es doch eher um einen kleinen Ego-Push. Und auch die typischen Abmachungen wie „Sobald Gefühle ins Spiel kommen, muss es aufhören. Ich will lieber Freiheit als Liebe“ sind uns 20ern und 30ern allen wohl nur zu gut bekannt.

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