Internationale Beziehungen: Braucht es neue Theorien, um globale Krisen zu lösen?

Flüchtlingskrise, Umweltkatastrophen, Klimaerwärmung: In der letzten Zeit stellen vermehrt globale Probleme die Regierungen auf der ganzen Welt auf die Probe – und niemand will Schuld daran sein. Brauchen wir in der westlichen Welt des 21. Jahrhunderts vielleicht ein neues Weltbild, damit sich da endlich etwas tut? Unser momentanes Denken ist geprägt von positivistischen Methoden und der Annahme, dass der Staat, respektive das nutzemaximierende Individuum, die kleinsten Analyseeinheiten sind. Die populären westlichen Theorien der Internationalen Beziehungen werden seit 1950 vom Positivismus geprägt. Dieser zeichnet sich durch seine empiristische Epistemologie aus, die die Naturwissenschaften dominiert und später auf die Sozialwissenschaften übertragen wurde. Empirismus definiert ausschliesslich Beobachtbares und Nachweisbares als wahres Wissen und klammert Abstraktes von seinen Untersuchungen aus. Zur Wahrheit kommt man demnach ausschliesslich durch Sinneserfahrungen. Das Ganze umfasst die Grundannahme der Physik, dass die Welt in kleinste unteilbare Einheiten reduziert werden kann, die sich beobachten lassen. Alles Abstrakte fällt weg. Wahrheit muss sich durch die Sinne erfassen lassen, um als solche zu gelten. Doch gerade politische Phänomene wie die internationale Struktur oder der Staat an sich lassen sich schlecht beobachten oder durch die eigenen Sinne erfahren. Ich glaube, genau hier könnte eine Schwierigkeit begraben liegen: Können abstrakte soziale Phänomene, die sich erst durch unsere Sprache gebildet haben, anhand naturwissenschaftlicher Methoden analysiert werden?

Alternative wissenschaftsphilosophische Ansätze sind beispielsweise der Rationalismus oder der Sozialkonstruktivismus. Der zweite Ansatz geht in erster Linie auf die Zeit des Kalten Krieges zurück und vertritt die Ansicht, dass die Welt vielmehr sozial konstruiert ist als rein naturgegeben und materiell. Die Realität ist demnach nicht einfach da, sondern wird erst durch geteilte Ideen erschaffen. Anders als im Positivismus beschreibt eine Theorie die Realität nicht bloss, sondern generiert sie auch. Der Vorrang hierbei gehört den reinen Gedanken und nicht den Sinneserfahrungen. Wissen kann demnach durch reines Denken erzeugt werden. Die Sinneserfahrungen spielen hier keine Rolle. Dass solche Ansätze von kritischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler momentan vermehrt diskutiert werden, wird unter anderem damit zusammenhängen, dass der Positivismus uns zwar unzählige wissenschaftliche Erkenntnisse gebracht hat, die Weltprobleme wie Krieg, Hungersnot und Krankheiten, aber noch nie lösen konnte. Die Frage stellt sich also: Könnte ein neues Weltbild hier weiterhelfen?

„The world is relationships“

In unserer Gesellschaft gilt: Alle Macht dem Individualismus. Das rational handelnde Individuum ist das kleinste Teilchen und damit der Ausgangspunkt vieler Theorien in der Politikwissenschaft. Auch wenn es für manche von uns unvorstellbar scheint, andere Gesellschaften sind bereits geprägt von anderen Grundannahmen. Das Individuum ist dabei viel weniger wichtig. So existiert im asiatischen Raum bereits ein alternatives Denken. Verschiedene soziale Experimente können nachweisen, dass in Asien ein interdependentes Denkschema dominiert. Die Wahrnehmung des Selbst entsteht demgemäss nur in Verbindung mit Anderen und mit der Umwelt. Folglich erscheint es als logisch, dass die neuen Theorien zu den Internationalen Beziehungen aus China nicht das Individuum, sondern die ganze Familie als kleinste Einheit definieren. Diese Theorien sind sich noch am entwickeln und im Westen kaum bekannt. So heben Theorien wie etwa jene von Qin Yaqing und Zhao Tingyang den Relationalismus hervor. Es geht nicht um Individuen, nein, es geht um Beziehungen. Tingyang plädiert für einen holistischen Ansatz der internationalen Beziehungen, wobei die Welt als Ganzes, anstelle der einzelnen Nationalstaaten oder die Individuuen, die zentrale Analyseeinheit darstellt. Dabei soll die Weltbevölkerung wie eine erweiterte Familie betrachtet werden und ebenso handeln. Es existiert keine klare Trennung zwischen Subjekt und Objekt. Mit der Aussage: „The world is relationships“ impliziert Tingyang, dass die Realität geprägt ist von den dauernd wechselnden Beziehungen zwischen den Akteuren und sich mit diesen folglich immer verändert.

In der Wissenschaft lässt sich ein Trend zu interdisziplinären Disziplinen feststellen. Dabei wird Wissen aus verschiedenen Wissenschaften in eine Beziehung zueinander geführt und verknüpft. Das könnte ein erster Ansatz eines holistischeren Denkens sein, der hier im Westen Einzug nimmt. Ein solches Denken stellt eine interessante Alternative zum Individualismus dar. Um sich immer mehr in diese Richtung zu bewegen, müsste sich jedoch jede wissenschaftliche Disziplin selber erst einmal hinterfragen und anschliessend damit beginnen, sich vermehrt mit anderen Erkenntnissen zu verbinden. Die Vorstellung, dass die existierenden Denkschemata in der westlichen Wissenschaft ohne Anreize von aussen, etwa durch ein Katastrophenereignis, über Bord geworfen werden, ist doch sehr unwahrscheinlich. Sinnvoll wäre dies jedoch – denkt man etwa an globale Krisen wie den Klimawandeln oder die jüngste Flüchtlingskrise, wo keiner zuständig sein will. Das Bewusstsein einer möglichen universellen Verbundenheit würde das Verhalten einzelner Staaten in entsprechenden Problemlagen sicherlich stark verändern. 

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