100 Gründe dagegen

Als „Generation beziehungsunfähig“ werden die unter 35-Jährigen heutzutage nur allzu oft abgestempelt. Verschiedene AutorInnen, PsychologInnen und SoziologInnen sind sich sicher, das liege an Tinder und Co. Das Online-Dating erwecke den Eindruck einer schier unendlichen Wahlmöglichkeit. Die Vorwürfe: Nähe kann man sich wahnsinnig spontan erswipen und sie dann genauso spontan wieder entmatchen. Liebe für eine Nacht per Mausklick. In der Mittagspause beiläufig den eigenen Marktwert in der neusten App testen. Per Handykommunikation lernt man sich sehr schnell kennen und kann sich sehr schnell wieder entkommen. Mit etwas Geduld swipet man sich durch bis zum absolut perfekten Idealpartner – denn ja: So etwas gibt es, oder? Unverbindlichkeit, Spontanität, Oberflächlickeit, Perfektionsstreben. Ja, die „Generation beziehungsunfähig“ scheint es wirklich nicht mehr hinzukriegen mit dem vertrauensbasierten und beständigen Zusammensein zweier Menschen, die sich mögen oder vielleicht sogar lieben. Doch stimmt das wirklich?

Ich glaube nicht, dass wir beziehungs- und bindungsunfähiger sind als unsere Vorfahren. Wir haben mit Tinder und Co. nur mehr Möglichkeiten, diese Bindungsangst auszuleben. Wir brauchen keinen Partner, um nicht alleine einschlafen zu müssen. Wir können uns Nähe für eine Nacht besorgen und am nächsten Morgen ohne ein Wort zu sagen davor flüchten. Die Sexualität wird immer freier. Auch hier brauchen wir keine Partnerschaft, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen: Mit dem besten Freund schlafen? Wieso nicht – er kennt schliesslich meinen Freiheitsdrang und ich mag ihn als Person. Eine zu guter Letzt erfreuliche Tatsache, die uns ermöglicht, unsere Bindungsphobie auszuleben, ist die zunehmende Emanizpation der Frau. Heute kann man eine gesellschaftlich geachtete und erfolgreiche Frau sein, ohne wirtschaftlich von einem Mann abhängig zu sein. Immer mehr Frauen stehen in der Öffentlichkeit dazu, keinen Kinderwunsch zu hegen. Mit Viola Amherd hat die Schweiz sogar eine Bundesrätin, die öffentlich bekundigt: „Ich will und brauche keine Partnerschaft. Ich habe mich fürs Alleinleben entschieden“. Auch wenn der Bindungswunsch evolutionär bedingt in jedem von uns vorhanden ist und sich wohl alle zwischendurch nach Nähe sehnen, ist es doch besser, die Möglichkeit zu haben, seiner Angst auszuweichen, als aus ökonomischen und gesellschafltichen Gründen in einer Partnerschaft zu stecken, vor der man sich tief drin fürchtet.

Alles muss immer eine Komödie sein

Dennoch: Eigentlich bin ich der Überzeugung, dass es am Besten wäre, sich diesen Bindungsängsten zu stellen. Vor allem dann, wenn doch irgendwann ein Kinderwunsch auftaucht und man sich in eine Beziehung begeben möchte. Jeder, der unter Bindungsangst leidet, hat eine schlechte Erfahrung gemacht. Wurde entweder verletzt, immer wieder verlassen oder überbehütet und kontrolliert. Sich dieser Prägung zu stellen, ist nie schön. Aber es könnte sich lohnen. Tinder ermöglicht uns, unseren Ängsten auszuweichen. Tinder gibt uns das Gefühl, es sei alles in bester Ordnung und das ist es irgendwie auch – solange man denn ausweichen und davonlaufen will und sich bewusst für diese Strategie entscheidet.

Ich erinnere mich häufig an einen ehemaligen Professor, dessen Seminar ich besuchte. Leidenschaftlich sprach er über gesellschaftliche Entwicklungen und den Bedeutungsverlust der Philosophie: „Wir streben eine Welt an ohne Tragik. Es soll nur noch Komödien geben, weil die sich leichter lesen. Alles muss immer positiv und einfach sein. Ja, wir haben es hier mit einem Verlust des Tragischen zu tun. Und wissen Sie, ich glaube, das ist gefährlich. Irgendwann werden wir verlernen, mit Schwere umgehen zu können. Kunst, Lyrik, Musik – das alles lebt doch auch von Tragik. Sie gehört zum Leben, sie gehört zu dieser Welt und doch wollen wir ihr entkommen.“ Liegt nicht hier das eigentliche Problem begraben? Schwierig ist nicht, dass wir Möglichkeiten haben, unseren Bindungsängsten auszuweichen, sondern, dass wir das Gefühl haben, uns ihnen nicht stellen zu müssen. Weil das so gar nicht positiv ist, zumindest im ersten Moment. Weil es bedingt, dass wir uns mit dem weniger lustigen Teil unserer Geschichte auseinandersetzen und weil es unsere eigene Komödie für eine kurze Zeit in eine Tragödie verwandelt.

Schliesslich müssen wir uns fragen, ob das folgende Szenario denn wirklich so viel positiver und leichter ist, als sich den Ängsten zu stellen:
Du liegst in seinen Armen und fühlst dich geborgen – endlich. Die Gefahr ist vorüber, da ist niemand, der dich im Stich lässt. Niemand, der dich verletzt. Und doch: Plötzlich überkommt dich eine immense Angst. Am liebsten würdest du diesen Arm, den du so sehr magst, zur Seite schieben. Die Geborgenheit tut auf einmal weh. Irgendwann hälst du sie nicht mehr aus. Du spürst dich nicht mehr, fühlst dich bedroht. «Weisst du, das ist keine gute Idee, also das mit uns. Ich kann das nicht. Ich glaube, wir müssen das sein lassen. Ja, am besten gleich jetzt. Es gibt so vieles, das gerade nicht passt und dagegenspricht», hörst du dich sagen. Es gibt immer etwas, das nicht passt. Du hast noch immer einen Grund dafür gefunden, zu gehen. Meistens waren es 100 Gründen. Immer genug, um alles zu beenden. Manchmal bist du wortwörtlich davongerannt. Einmal sogar mitten in der Nacht. Zu viel Nähe, zu viel von diesem «Ich-möchte-dich-nie-wieder-loslassen-Gefühl» und jedes Mal bist du früher oder später gegangen. 

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Romantische Liebe: Warum sie nicht immer da war und wieso sie vielleicht verschwindet?

Ob man sich nun das neuste Album eines weltberühmten Sängers anhört oder es sich abends mit Netflix gemütlich macht: Kaum etwas wird in der Musik- und Filmwelt so oft thematisiert wie die romantische Liebe. Im echten Leben hingegen hat sich die Anzahl der Eheschliessungen pro 1000 Einwohner in der Schweiz von 7,7 im Jahre 1900 auf 5 im Jahre 2016 reduziert.  Unzählige gut genutzte Onlinepartnerbörsen versprechen das ganz grosse Beziehungsglück und ziehen aus diesem Versprechen auch gleich einen hohen kommerziellen Nutzen. Wie steht es um die romantische Liebe? Wir scheinen uns irgendwie nach ihr zu sehnen, sind bereit viel Zeit in die Suche nach dem grossen Glück zu investieren und doch: Im Alltag scheitern wir nicht selten dabei, diese Liebe zu finden oder leben.

So entstand die romantische Liebe

Wie ist die romantische Liebe eingentlich entstanden? Der Soziologe Holger Herma weist darauf hin, dass oft vergessen gehe, dass die romantische Liebe ein historisch entstandenes Kulturmuster sei, das sich erst in den letzten Jahrhunderten entwickelt habe. So wurde die Liebe innerhalb einer Ehe bis ins 18. Jahrhundert als kameradschaftliches Gefühl aufgefasst, von Romantik keine Spur. Das romantische Liebesideal, wie es heute in unsere Gesellschaft dominiert, erschien im 18. Jahrhundert nach und nach zuerst in der englischsprachigen und bald darauf in der deutschen Literatur. Vor allem im Roman «Lucinde» des Romantikers Friedrich Schlegel erkennt man die Grundzüge und Merkmale der romantischen Liebe. Die Literatur also, brachte uns unser neues Liebesideal, das sich ab dem 19. Jahrhundert langsam in unserer Kultur zu etablieren begann.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde die romantische Liebe von der allgemeinen Säkularisierung der Gesellschaft beeinflusst. Christlich geprägte Werte wie Selbstlosigkeit und vollkommene Hingabe waren im Liebesdiskurs nicht länger von Bedeutung. Gleichzeitig löste die Romantik die Religion als wichtiger Mittelpunkt des alltäglichen Lebens ab und begann als Wert an sich zu gelten. Private Liebesbeziehungen und Eheschliessungen wurden direkt mit grossem Glück verbunden. Diese Vorstellung von Glück hat die Massenkultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgegriffen, einhergehend mit ihrer Vermarktung. In ihrem Buch „Der Konsum der Romantik“ analysiert die israelische Soziologin Eva Illouz das Zusammenspiel vom Ideal der romantischen Liebe und dem Kapitalismus. Unter Historikern sei man sich einig, dass die romantische Liebe dem Kapitalismus vorausgegangen, aber um 1900 von den Praktiken und der Bedeutung des Konsums durchdrungen worden sei, so Illouz. Der Soziologe Niklas Luhmann schliesslich sieht den Einzug der sexuellen Leidenschaft in den Liebesdiskurs als bedeutender Punkt für unser heutiges Liebesverständnis: Die Befriedigung sexueller Lust wurde im Laufe de Zeit an die affektiven Gefühle gebunden.

Liebe gibt uns Anerkennung und Selbstwert

Heute wird Liebe in unsere Gesellschaft – im Gegensatz zum 18. Jahrhundert – als einziger Weg in eine wahre Ehe aufgefasst, genauso wie eine aus dieser Ehe resultierende Elternschaft neu als Vollendung der Liebesbeziehung angesehen wird. Eine Ausnahme bilden hier religiöse Gemeinschaften, in denen es immer noch zu arrangierten Ehen kommt. Dabei wurden Dauerhaftigkeit und Treue zur Voraussetzung für die Liebe. Als letztes Merkmal der romantischen Liebe schliessslich wird in der Soziologie die hohe Individualität der Liebenden herausgearbeitet, also, die Einzigartigkeit eines geliebten Individuums. Die Liebe werde erst durch die vollständige Ausrichtung auf die Einzigartigkeit des Anderen zur echten romantischen Liebe, schreiben etwa Niklas Luhmann oder Georg Simmel. Die Tatsache, dass eben gerade diese Einzigartigkeit des Individuums geschätzt werde, mache die Liebe zur zentralen Kraft der Anerkennung und Bestätigung von deren Zielperson. Das heisst: Liebe gibt uns Anerkennung und die Möglichkeit, uns als Individuum vollkommen angenommen zu fühlen. Liebe macht uns zu einer Person, die wichtig ist.

Auf diesen letzten Punkt geht Eva Illouz in ihren Büchern vertiefter ein. Die zunehmende Entwertung der vormodernen gesellschaftlichen Normen habe von einer Liebesvorgabe zu einer Liebeswahl geführt. Die Liebe diene heute längst nicht mehr materiellen Interessen, sondern emotionaler Befriedigung. In der vormodernen Gesellschaft waren der soziale Status und damit die Verortung jedes einzelnen in der Gesellschaft klar. Mit Beginn der Moderne, Ende des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts, begann laut Illouz hingegen eine grosse Ungewissheit über die eigene Geltung. Der Selbstwert musste anderswo bestätigt werden können, da der gegebenen soziale Status stark an Bedeutung verlor. Von nun an war und ist die Liebe dafür zuständig, den Individuen die Anerkennung zu geben, die sie zur Definition ihres Selbstwertes benötigten.

Wahlfreiheiten lassen uns nach dem Allerallerbesten streben 

Gleichzeitig aber brachte die Moderne die Individualisierung der Gesellschaft mit sich. Das bedeutete einerseits, dass sich aufgrund des zunehmenden Verschwindens von Glaubensgemeinschaften, Ständen und Zünften für den Einzelnen viele neue gesellschaftliche und soziale Freiräume ergaben. Andererseits brachte diese
Freiheit grosse Verantwortung mit sich: Durch die neuen Wahlfreiheiten innerhalb der  modernen Gesellschaft musste der Einzelne sein Leben alleine bestimmen. Falls dies nicht gelang, musste der Schaden von nun an selber getragen werden. Das führte dazu, dass die Individuen vorausplanen, abwägen, vergleichen und auf Chancen zum eigenen Vorteil warten. Dasselbe Verhalten lässt sich seit einigen Jahrzehnten auch in Bezug auf die Liebeswahl beachten: Die heute 30-Jährigen haben signifikant mehr Beziehungen geführt als die heute 60-Jährigen bis zu ihrem 30. Lebensjahr. Das zeigen verschiedene Statistiken. Zudem versprechen zahlreiche Online-Partnerbörsen Suchenden, eine idealpassende Partnerin oder einen idealpassenden Partner zu finden. Diese beiden Tatsachen sprechen für eine grössere Unsicherheit bezüglich der Partnerwahl sowie für eine andauernde Suche nach «Besserem».

Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass Illouz von einer Entzauberung der romantischen Liebe in der Gegenwart spricht. Das Ideal der romantischen Liebe vertrage sich grundsätzlich nicht mit unserem starken Bedürfnis nach Autonomie. In einem Interview mit Zeit Campus verdeutlicht die Soziologin, dass die romantische Liebe zwar in unseren Fantasien bestehen blieb, von den meisten Menschen heutzutage aber nicht mehr ausgelebt werden will. So habe sich sogar der Diskurs in Unterhaltungsmedien gewandelt und Liebe werde oftmals ironischer und Liebesbeziehungen als vor allem problematisch dargestellt. Ob dem tatsächlich so ist, müsste wohl weitergehend analysiert werden. Aber Hand aufs Herz: Zumindest auf Tinder und Co. begeben wir uns nicht auf die Suche nach der grossen romantischen Liebe, da geht es doch eher um einen kleinen Ego-Push. Und auch die typischen Abmachungen wie „Sobald Gefühle ins Spiel kommen, muss es aufhören. Ich will lieber Freiheit als Liebe“ sind uns 20ern und 30ern allen wohl nur zu gut bekannt.