Mauern des Schweigens

Manchmal sah ich dich vor meinen Augen zerbrechen. Ich war zu klein, zu schwach, um dich wieder zusammenzusetzen. Und meine Hilfe hättest du ohnehin nicht gewollt. Es hat dann ein bisschen gedauert. Es hat geschmerzt. Aber irgendwann warst du immer wieder ganz. Ganz die Alte. Die Grosse. Die mit der unglaublichen Kraft. Die, die ich so sehr brauchte. Du hast dich durchgekämpft. Jede Hürde hast du ganz allein genommen. Jeder noch so hohen Erwartung hast du dich gestellt. Eigentlich hast du nie jemanden enttäuscht. Du hast immer alles erreicht, was sie von dir wollten. Und noch mehr. Du hast alles geschafft. Und dann war da noch ich. Ich wollte, dass du mich im Arm hältst, während du von Termin zu Termin rennen musstest. Aber noch viel mehr wollte ich die Tränen in deinen Augen verstehen, wenn du mal zur Ruhe kommen konntest. Die Mauer, die du um dich herum erbaut hast, war zu hoch für mich. Das hat wehgetan. Ich habe nie begriffen, dass sie auch mich schützen sollte. Ich wollte sie weghaben. Am besten gleich sofort. Für immer.

Du hast es dir nicht erlaubt, auch mal aufzugeben. Du hast immer weitergemacht. Und sie alle konnten die Mauer nicht sehen, konnten dich nicht fallen sehen. Vielleicht war ich das Lichtlein in der Dunkelheit dort hinten. Doch wer lehrte mir, wie es wirklich geht, zu scheinen? Zu strahlen? Ich wollte doch nur dich. Aber meine endlosen Fragen liessen die Mauer noch höher werden. Ich konnte nicht aufgeben, nicht nachlassen. Vielleicht hab ich das ja von dir. Vielleicht ist meine Hartnäckigkeit auch deine. Genauso wie deine Mauer auch meine war. Gefangenschaft und Rettung zugleich. Himmel und Hölle.

Eine Geschichte, die niemand wirklich hören möchte von Müttern, die Mauern bauen.

Und erst als ich älter wurde, verstand ich: Hinter der Mauer bist nicht nur du. Da ist auch eine Geschichte, die du selbst kaum erzählen kannst, vielleicht nicht mal richtig kennst. Eine Geschichte, die niemand wirklich hören möchte. Eine Geschichte von Frauen, die Mauern bauen, um auch ihre Töchter zu schützen. Mauern, die den Frauen ermöglichen, weiterzumachen. Mauern, die die kleinen Töchter gar nicht verstehen können. Mauern, die sich zwischen die Mama und ihr Mädchen stellen. Mauern, ohne die es trotz allem einfach nicht gehen würde. Ja, es sind Mauern des Schweigens. Und da sind heimliche Tränen. Misstrauen, das sich wie Gift in die Haut der ahnungslosen Mädchen frisst. Mütter, die stark sein müssen, weil sie keine andere Wahl haben. Und kleine Töchter, die als einzige sehen, wenn die Mama mit der riesigen Kraft in tausend Stücke zerbricht. Alles, was bleibt, ist das laute Schweigen. Das kleine Mädchen, das sich nach einer Umarmung sehnt und die grosse Frau, die körperliche Nähe nicht mehr ertragen kann. Da liegt diese Unsicherheit in der Luft, die angespannte Angst und dieser aggressive Schmerz.

Vielleicht waren die Mauern weniger gefährlich als die Freiheit.

Die Geschichte ist länger. Sie beginnt bei ihr mit dem wärmsten Herzen, das eine Frau nur haben konnte. Und doch hat sie uns nie berührt. Sie war immer da für uns und trotzdem so weit weg. Es war, als würde ihr ein Teil von sich selber fehlen. Und all die Erinnerungen waren versteckt hinter ihrer Mauer, die auch dich schützen sollte. Und hinter deiner Mauer, die auch mich schützen sollte.

Komm lass uns die Mauern abbauen. Weisst du, jetzt geht das. Heute ist es ein bisschen leichter, über sowas zu sprechen. Heute hören sie zumindest einmal hin. Heute bekommt man Hilfe, die besser ist als das endlose Mauerbauen. Sie hatte dieses Glück nicht. Sie musste weitermachen, Töchter grossziehen und beschützen trotz ihrer eigenen Hilflosigkeit. Da war niemand, dem sie so sehr vertrauen konnte. Wie gross ihre Angst um dich gewesen sein muss? Vielleicht war sie deshalb manchmal so kalt. Vielleicht war es die beste Lösung. Vielleicht waren die Mauern weniger gefährlich als die Freiheit. Und vielleicht war ihre Kälte auch einfach die Überreste der Liebe, die sie noch zu geben hatte. Die gehörten ganz uns. Die hat sie sich nicht nehmen lassen. Da ist sie wieder, diese Hartnäckigkeit. Die auch deine ist. Und meine. Aber weisst du, heute – ja, heute dürfen wir über den Schmerz reden. Heute müssen wir nicht mehr allein sein. Heute dürfen wir auch mal aufgeben. Heute ist schwach sein manchmal sogar okay. Ja, lass uns zum ersten Mal wirklich gewinnen. Lass uns selber bestimmen, welche Erwartungen wir erfüllen wollen. Und lass uns den Schmerz zulassen. Wir haben ihn von Generation zu Generation getragen, die Mauern sind immer höher geworden. Aber ihre Zeit ist jetzt gekommen. Lass uns ganz viel Mut sammeln und lass uns reden. Lass uns uns in den Armen halten. Lass uns kämpfen für all die Mütter und ihre kleinen Töchter, auf die diese Welt noch wartet.

Alles, was euch blieb, war das schmerzverzerrte Schweigen. Aber heute können wir reden. Und wir sollten nie mehr aufhören damit.

Du bist gefallen und wieder aufgestanden. Jedes einzelne Mal. Du hast alles geschafft. Du hast mich zu der Frau gemacht, die ich jetzt bin. Und all das hast du durch deine riesige Mauer hindurch getan. Stell dir vor, welche Kraft in Frauen steckt, wenn sie solche Mauern nicht mehr brauchen. Welche Liebe sie zu geben haben, wenn ihnen keiner mehr ihre Freiheit nimmt. Wir sollten reden. Jetzt sofort. Und wir sollten damit nicht mehr aufhören. Wir sollten dafür sorgen, dass keine Frau mehr so leiden muss wie sie. Und dafür, dass keine Tochter sich mehr in all den ungeklärten Fragen und der latenten Angst verirren muss.

Ich glaube, ich musste erst erwachsen werden, um zu verstehen, dass ihr all das nicht gegen, sondern für mich getan habt. Dass hinter diesen Mauern eine umfassende Einsamkeit steckt, die ihr mir vorenthalten wolltet. Leere, fehlende Worte. Hilflosigkeit. Und diese Geschichte. Jetzt sehe ich ganz klar vor mir, was ihr alles geschafft habt. Ihr seid alles andere als kaltherzig und feige. Ihr seid Liebe. Ihr wolltet nicht, dass eure Töchter einmal dieselben Erinnerungen plagen wie euch. Aber ihr konntet noch nicht reden. Alles, was euch blieb, war das schmerzverzerrte Schweigen. Deshalb sind die Wunden nie geheilt. Deshalb ist eure Geschichte von Narben übersät. Deshalb tut sie auch den Töchtern weh. Aber dadurch, dass ihr immer weitergemacht habt, habt ihr dafür gesorgt, dass es uns heute besser ergehen könnte. Wir müssen nur eins tun: Reden und zwar über jedes einzelne hässliche und entwürdigende Detail. Über all die Abartigkeit und das Unbegreifliche. Wir müssen zeigen, dass unsere Liebe grösser ist. Die Liebe zwischen Mutter und Tochter. Die Liebe, die sie uns nicht nehmen konnten.

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Warum Solidarität so viel wichtiger ist als Liebhaber und Körperfett

Seit 48 Jahren besitzen Frauen in der Schweiz das Stimmrecht. Es ist also noch gar nicht lange her, dass Frauen politisch so gut wie gar nicht mitbestimmen konnten. In Anbetracht der heutigen Situation ist das schwer vorstellbar. Gleichberechtigung ist in aller Munde, der Hashtag #girlpower erlebt genauso wie die Farbe Pink seinen Höhepunkt. Auch Ratschläge wie „Mach dich nie von einem Mann abhängig!“ erteilen sich besten Freundinnen heute täglich. Und das ist noch längst nicht alles: Feminismus ist sogar cool geworden. Immer mehr Warenhäuser oder Mode-Labels bieten Kleidung oder Gadgets, die mit sogenannt feministischen Sprüchen und Zeichen versehen sind, an. Lidl wirbt mit dem Slogan „Werde Verkaufsleiterin und verdiene garantiert so viel wie deine männlichen Kollegen“ um weibliche Angestellte und Popstars bessern ihr Image damit auf, ihre getunten Instagram-Selfies mit ermutigenden Zitaten über die Weiblichkeit zu schmücken. Der neue Feminismus kommt verführerisch daher: rote Lippen, ein Girl-Power-Tattoo unter der Brust und die neuste Gucci-Tasche in der Hand. Feminismus ist sogar sexy geworden. Oder wurde die feministische Welle viel eher vom Kapitalismus eingeholt und langsam aufgefressen? Was macht eine Frau zu einer Feministin und welchen Feminismus brauchen wir heute? Ist es ein feministischer Akt, sich wochenlang die Achselhaare wachsen zu lassen und damit dem gängigen weiblichen Schönheitsideal den Mittelfinger zu zeigen: „Hey, ich kann genauso gut wie ein Mann zu meiner natürlichen Körperbehaarung stehen.“ 8 Wochen ihres Lebens verbringt eine Frau damit, sich die Körperhaare zu rasieren. 8 Wochen, in denen sie keine Zeit dafür hat, sich mit anderen, wichtigeren Dingen zu beschäftigen. Es gibt viele Argumente dafür, dass eine richtige Feministin auch eine Anti-Kapitalistin sein muss. Doch das ist ein anderes Thema. Genauso wie die Frage ob eine Feministin tatsächlich sexy sein kann oder nur unbequem? Klar ist: Der Feminismus hat sich seit 1971 stark verändert. Ich habe den Eindruck, dass ihm etwas Wichtiges abhanden gekommen ist.

Leider wahr: Dünn sein macht erfolgreich

Wir dürfen und müssen uns darüber aufregen, dass wissenschaftliche Studien die These „dünn = erfolgreich im Job“ für Frauen bestätigen. Das berüchtigte Wohlstandsbäuchlein des Mannes hingegen erweist sich nicht als Hindernis auf dessen Karriereleiter. Das ist unfair und daneben. Doch ist es tatsächlich der richtige Ansatz, mit den Fingern aufs böse alte Patriarchat zu zeigen, um diese Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen? Sind es heute wirklich nur die Männer, die uns vorgeben, wie wir auszusehen haben? Sind es nicht genauso wir Frauen untereinander, die uns mit kritischen Blicken von unten bis oben mustern? Ich persönlich habe öfter erlebt, wie eine Frau eine andere aufgrund von Äusserlichkeiten angepöbelt oder ausgegrenzt hat, als ich das von Männern sah. Instagram und Co. helfen uns dabei, unsere Körper in einen konstanten Wettbewerb zu schicken. Und wir geben den Äusserlichkeiten und diesem ständigen Vergleich viel Macht: „Sie ist dicker als ich, also ist sie keine Gefahr für mich.“ Gegentrends wie Body Positivity sind eigentlich toll. Frauen sollen essen und leben dürfen, wie sie wollen. Frauen sollen ihre Speckröllchen zeigen dürfen, ohne dafür niedergemacht zu werden. Frauen sollen nicht immer schön sein müssen. Doch diese Bewegung hat sich in gewisser Weise verlaufen. #Skinnyshaming hat #fatshaming abgelöst. Korpulente und magere Frauen bekämpfen sich in den sozialen Medien gegenseitig.

Solidarität unter Frauen

Ja, natürlich gibt es ihn noch, den Mann, der einfach gar nichts begriffen hat, und die tollsten Frauen wegen ihres Aussehens beleidigt. Sie öffentlich diskreditiert. Und ja, wir können auf diesen bösen Mann, der Ausdruck des Patriarchats ist, zeigen und ihn hassen. Doch das reicht nicht. Sollten wir Frauen diese Sache vielleicht nicht auch mal unter uns klären? Uns klar machen, dass wir uns damit schaden, wenn wir uns gegenseitig bekämpfen? Es ist richtig, dass wir als Frauen es punkto Karriere leichter haben, wenn wir gut aussehen. Das hat uns sehr wahrscheinlich das Patriarchat eingebrockt. Wir können deshalb eine Kampfansage an die Männer machen und hervorheben, wie ungerecht wir uns behandelt fühlen. Doch wieso müssen wir gleichzeitig auch auf diesen Zug aufspringen und uns gegenseitig wegen unserer Körper anfeinden oder fürchten? Meiner Meinung nach tut das keine Feministin. Eine Feministin zeigt sich solidarisch und reicht anderen Frauen die Hand – egal wie dick, dünn, blond oder klein sie sind. Eine Feministin hört den anderen Frauen zu. Das weibliche Anliegen per se gibt es nicht. In der heutigen Zeit, in der Frauen an die Urne gehen dürfen, gendergerechte Sprache in den öffentlichen Verwaltungen eingeführt werden soll und durch #metoo (hoffentlich) offener über häusliche Gewalt und sexuelle Übergriffe gesprochen wird, müssen die Feministinnen sich neu orientieren. Wir müssen uns zuerst darauf einigen, wofür wir wirklich kämpfen wollen. Erfassen, wo genau die Diskriminierung noch immer besonders deutlich zum Vorschein tritt und uns am meisten trifft. Dazu reicht kein Girl-Power-Tattoo oder ein Simone-de-Beauvoir-Zitat über dem Bett. Das alles macht uns nicht zur Feministin. Heute braucht der Feminismus vor allem eines: Solidarität. Und zwar bedingungslose. Von den 100 grössten Arbeitgebern der Schweiz haben nur gerade 4 eine Frau als CEO – genauso viele CEOs wie auf den Vornamen Urs hören. Auch das ist daneben und zeigt, wie untervertreten Frauen in Führungspositionen sind. Es braucht mehr von uns da oben. Jene Frauen, die es schaffen, sind heute meist kinderlos und schlank. Frauen, die konform sind, und besser in die Männerwelt passen als andere. Frauen, die mit der Fünffach-Mutter aus dem kleinen Bergdörfchen ziemlich wenig gemeinsam haben. Eine Feministin sollte versuchen, zwischen diesen beiden Frauen Brücken zu bauen, sie einander näher zu bringen. Denn erst, wenn die Frauen da oben jene Frauen ganz unten auch wirklich verstehen, kann sich meiner Meinung nach grundsätzlich etwas ändern. 

Die Feministin, die mich wegen eines Mannes zu hassen begann

Eine kleine Anekdote kann das alles vielleicht noch ein bisschen veranschaulichen. In meinem Umfeld gibt es eine junge Frau, die sich als Feministin bezeichnet. Sie setzt sich wirklich vehement für Frauenangelegenheiten ein und versucht, etwas zu bewegen. Doch als sie und ich denselben Mann gut fanden und sein Interesse an mir grösser war als an ihr, warf sie all ihre Prinzipien über Bord. Anstatt mit mir zu sprechen, begann sie damit, falsche Dinge über mich zu erzählen und mich als hässlich zu bezeichnen: „Kotzen könnte ich, wenn ich die sehe!“ Ja, ich bekam das alles mit und es machte mich traurig. Nicht weil mich ihre Beleidigungen trafen. Aus einem anderen Grund. Nur, weil ein gemeinsamer Bekannter mich offensichtlich lieber mochte als sie, zog sie mich durch den Dreck. Den Typen hingegen – der im Übrigen alles andere als immer ehrlich zu ihr war – bewunderte sie weiterhin, machte ihm keinerlei Vorwürfe. Ich also war die Blöde. Dabei hatte ich gar nichts getan. Sie hingegen schon. Sie hat ihm, dem jungen charmanten Mann, wahnsinnig viel Macht gegeben. Weil sie ihn nicht haben konnte, vergass sie alles, was sie über Feminismus und Frauen-Solidarität eigentlich wusste, und begann damit, mich zu bekämpfen. Wegen eines Mannes. Einem einzigen Typen. Krieg. Hätte sie anders gehandelt, mit mir gesprochen, hätten wir gemeinsam aufdecken können, wie unehrlich der ach-so-charmante Typ manchmal war. Wir hätten zusammen ein Glas Wein trinken und über unsere Gefühle reden können. Wir wären vielleicht Freundinnen geworden. Doch zwischen uns stand dieser Mann – weil wir einem möglichen Liebhaber noch immer mehr Wichtigkeit geben als einer tollen Freundin. Da genau liegt unsere Mitschuld an der heutigen Situation: Der Feministin fehlt Solidarität. Und zwar bedingungslose, zwischen die sich kein Kilogramm Fett und kein Mann stellen können.

Wieso es uns nichts angeht, wenn eine lesbische Sängerin eine Frau küsst

Vor ein paar Wochen hab ich mich ein bisschen verliebt. Und ich bin es immer noch. Ich glaube, es hält noch ein bisschen an. Verzaubert hat mich das neue Album der amerikanischen Sängerin LP. Es kommt echt selten vor, dass mich das ganze Werk eines Musikers begeistert. LP kommt aus New York und hat italienische und iranische Wurzeln. Ihre Musik lässt sich nur schwer fassen. Einige ihrer Songs lassen sich eindeutig dem Indie-Rock zuordnen, andere sind Dance-Pop-Stücke und nicht selten wird sie auch als Singer-Songwriterin bezeichnet. Das ist wohl einer der vielen Gründen, weshalb ich mich ein wenig verliebt habe: Ich mag Dinge, die sich nicht so leicht einordnen lassen. Ein weiterer Grund sind die Texte von LP. Häufig sind es sehr persönliche Zeilen über Leidenschaft, zerbrochene Beziehungen und Frauen, die sie liebte. LP nimmt kein Blatt vor den Mund, schreibt, wie es sich anfühlt gerade verlassen worden zu sein. Doch sie tut dies meiner Meinung nach nicht auf eine seichte Art, die nach Mittleid schreit. Auch deshalb hat sie mich verzaubert – weil sie so schön ehrlich und trotzdem derart kraftvoll von Liebeskummer singt, dass man drauflos tanzen will.

Doch eigentlich möchte ich auf etwas ganz anderes hinaus. So schrieb ein Schweizer Medium über LP: LP – ja, sie ist eine Frau, wirklich – wird definitiv keine Eintagsfliege bleiben. Echt jetzt? Schreiben wir nicht bald das Jahr 2020? Und im Lead eines kurzen Artikels über eine herausragende Sängerin müssen ihre Sexualität und ihr Aussehen auf eine solche Art und Weise kommentiert werden? Schon klar, LP kleidet sich nicht wie die typische Frau. Ihre Haare trägt sie als wilde, kurze Lockenmähne – was übrigens zu ihrem Markenzeichen wurde – und ihr Körperbau ist ziemlich burschikos. Trotzdem: Wieso ist das so wichtig, ob sie nun eine Frau ist oder ein Mann? Das hat absolut keinen Einfluss auf ihre Musik, die im Artikel hoch gelobt wird. Es hat ebenfalls keinen Einfluss darauf, was LPs Musik mit ihren Zuhörern macht und darum geht’s doch in erster Linie? Wenn mich ihre Rhythmen mitreissen, ihre Texte mich verstehen und die Melodien mich berühren, wieso soll es dann von Bedeutung sein, ob sie nun ein Mann oder eine Frau ist, oder sich dem dritten Geschlecht zuordnet? Doch tatsächlich scheint es die Leute zu beschäftigen: Als ich kürzlich zwei Freunden von LP erzählte und ihnen ihre Musik zeigte, fragten auch sie mich sofort: „Was, das soll eine Frau sein? Ist das nicht, ääh, irgendetwas dazwischen. Oder wie sagt man das heute?“

Wieso eigentlich?

Ja, LP zeigt sich in ihren Musikvideos mit anderen Frauen – häufig mit ihrer aktuellen Freundin. Ja, LP singt ohne Hemmungen über Frauen, die ihr einst ihr Herz brachen. Und ja, LP singt auch davon, wie sie diese Frauen liebt. Eigentlich hätte ich gedacht, dass das heutzutage kein Thema mehr sei. Wie viele Musiker haben sich schon einmal intim mit irgendwelchen Frauen in ihren Videoclips gezeigt? Wahrscheinlich fast jeder. Doch wenn eine Frau sich mit einer anderen Frau in denselben Situationen zeigt, dann irritiert das noch immer. In meinem Umfeld wird es, so weit ich weiss, akzeptiert, wenn sich zwei Frauen küssen. Vielleicht schaut einer mal zweimal hin, aber es ist völlig in Ordnung. Zum Glück. Und trotzdem ist es noch immer ein Thema. Es wird zwar respektiert, wenn Frauen nicht aussehen wie Frauen und sich untereinander küssen, aber es wird dennoch immer wieder als aussergewöhnlich oder gar als Ereignis besprochen. Männliche Bekannte von mir reagieren häufig auf eine Art, die mir sauer aufstösst: „Wieso finde ich es eigentlich so sexy, wenn zwei Frauen sich küssen? Irgedwie zieht uns Männer das mega an.“ Es ist schwierig, in einem Satz auszudrücken, wieso mich diese Reaktion auf zwei sich liebende Frauen nervt. Doch irgendwie finde ich sie egoistisch. Der Mann drückt sich durch seine Reaktion zwischen die beiden Frauen, die offensichtlich ja mit sich selbst beschäftigt sind und sein wollen. Einmal hätte ich einem Bekannten beinahe geantwortet: „Lass die Frauen sich doch küssen. Das geht dich eigentlich nichts an. Sie tun es für sich, weil sie sich mögen, und nicht, um irgendwelche Männer zu beeindrucken. Ihr Männer solltet euch einfach mal raushalten.“

Hand aufs Herz: Finden es Frauen sexuell anziehend, wenn zwei Männer sich küssen? Falls ja, würden sie dies nie so stolz und öffentlich überall rumerzählen, wie gewisse Männer es tun, wenn sie zwei Frauen zusammen sehen. Wieso, ihr Männer, seid ihr eigentlich auch noch stolz darauf, dass ihr euch davon derart angezogen fühlt? Geht es im Grunde eigentlich einfach darum, dass ihr zu kurz kommt? Weil die beiden Frauen sich gerade lieber miteinander beschäftigen als mit eurer Männlichkeit? Und müsst ihr mit eurer Reaktion euer Revier markieren? Im Sinn von: „Hey, hier bestimme immer noch ich darüber, was sexy ist und was nicht“. Natürlich weiss ich, dass es nicht so einfach geht. Hinter der sexuellen Anziehung stecken noch immer biologische Prozesse. An denen möchte ich auch gar nicht rütteln. Aber trotzdem würde ich mir wünschen, dass zwei sich küssende Frauen einfach in Ruhe gelassen würden. Und, dass das Geschlecht irgendwann nicht mehr erwähnenswert ist, wenn es um Liebe, Musik, Küssen und Gefühle geht. LP berührt mich – vielleicht auch gerade deshalb, weil nicht nur ihre Musik, sondern auch sie selber, sich einfach nicht einordnen lässt.

Oh, baby how could we know
When no laureate could tell us why
And no preacher could decide
Tell me now, oh, baby how could we know
When there is no map, no good advice
And no road to paradise

Zappelphilippa und Hanna-guck-in-die-Luft: Wenn Anderssein nicht nur cool ist

Dieser Text ist ganz schön persönlich. Doch eigentlich soll es hier nicht um mich gehen, sondern um all die Mädchen und Frauen, die sich manchmal ein bisschen falsch fühlen.

Meine Geschichte

Ein bisschen anders war ich schon immer. Disney-Filme, gute Feen, kleine weisse Fohlen, schöne Sommerkleidchen, Bilderbuch malen – mit all dem hatte ich während meiner Mädchenjahre absolut nichts anfangen können. Im Kindergarten sass ich meist hilflos neben meinen Freundinnen, die voller Begeisterung schöne Scherenschnitte anfertigten. Ich selber konnte kaum die Schere in der Hand halten. Auch mit dem Schönschreiben wollte es nicht klappen. Eine Kindergärtnerin teilte meiner Mutter in einem verzweifelten Moment mit, man solle abklären, ob ich mit all diesen Schwierigkeiten vielleicht nicht besser eine Sonderschule besuchen würde. Was mir im Nachhinein auffällt: Ganz alleine stand ich mit diesen Problemen nicht da. Es gab auch den einen oder anderen Jungen in meiner Klasse, der den Buchstaben A hundertmal schreiben musste, bis er entzifferbar war. Wenn sich ein Junge weigerte, die Schere in die Hand zu nehmen, durfte er nach draussen spielen gehen. Gestört hat das niemanden. „Das ist halt ein wilder, ein echter Zappelphilipp“, meinte die Kindergärtnerin und das Thema war durch. Nicht so bei mir. Ich war das komische Mädchen.

Meine späteren Lehrerinnen konnten genauso wenig wie meine Freundinnen verstehen, wieso ich mich strikt und trotzig dagegen weigerte, eine Geschichte über Feen zu schreiben. Meine Beine waren zu jeder Jahreszeit übersät mit blauen, violetten und grünen Flecken. Andauernd fiel ich hin, lief in eine Strassenlaterne oder stiess mit übergrossen Steinen zusammen. Britney Spears war mir vollkommen egal, dafür wollte ich mit fünf Jahren wissen, was denn gerade und ungerade Zahlen seien. Ich glaube, manche fanden mich komisch oder arrogant. Dabei verstand ich schon in diesem Alter nicht, wieso ich mir Geschichten von Feen ausdenken sollte, wenn diese nutzlosen Märchenfiguren sowieso nicht existierten. Und ich konnte mir noch so viel Mühe geben: Stillsitzen und Malen waren für mich echte tägliche Herausforderungen. Manchmal wurde ich wütend, weil ich merkte, dass mir all das nicht gleich gut gelang wie den anderen Mädchen. Ich fühlte mich falsch und ungenügend. Mit sechs Jahren äusserte meine Kinderärztin gegenüber meinen Eltern den Verdacht, dass ich an einem ADHS leiden könnte. Es passte allles zusammen: Meine ganz sonderbare eigene Verträumtheit, die Tatsache, dass ich nie still sein konnte, manchmal aus dem nichts kleine Wutausbrüche bekam und feinmotorisch absolut unterentwickelt war. Nur etwas war komisch: Ich war ein Mädchen. Schliesslich entschloss man sich dazu, keine abschliessende Abklärung durchzuführen. Trotz einiger Schwierigkeiten waren meine schulischen Leistungen gut und ich war durchaus beliebt bei den anderen Kindern. Alles in Ordnung also – irgendwie. Oder?

Mit zwölf Jahren schrieb ich in mein Tagebuch, dass alle anderen Mädchen rund seien, nur ich, ich sei eckig. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch immer mit Ticks wie übermässigem Händeklatschen bei Freude, stundenlangem Gehen im Kreis auf dem blauen Wohnzimmer-Teppich meiner Eltern und nervösen Zuckungen der Bauchmuskulatur zu kämpfen. Meine Familie und Freunde hatten sich daran gewöhnt. Nur manchmal machten sie sich lustig über diese sonderbaren Eigenschaften meinerseits. Ich, die kleine eigenartige Tagträumerin, die sich andauernd verletzte und manchmal viel zu viel redete und nie schlief. Ich nahm mir immer wieder vor, diese Ticks hinter mir zu lassen. Nahm mir vor, mich zu beruhigen. Ich scheiterte jedes Mal. Es war, als hätte ich nicht genug Platz in mir für meine Gefühle und Gedanken. Die Ticks halfen mir, sie auszudrücken, sie rauszulassen. Doch ich wollte nicht länger das eckige Mädchen sein. Ich versuchte, mich zu kontrollieren. Ich schämte mich für mich, weil ich wahnsinnig dünn war und immer irgendwelche Beulen hatte. Manchmal konnte ich wochenlang nicht richtig essen und schlafen. Wie so oft fühlte mich falsch und dadurch auch einsam. Häufig aber war ich ein Energiebündel, mit dem kaum jemand mithalten konnte. Ich war ein regelrechtes Strahlemädchen mit einem Kopf voller neuer Ideen, die sofort, in genau diesem Moment, umgesetzt werden mussten.

Glühwürmchen-Regen in deinem Kopf,
Neonlicht-Feuer im Herzen
und Karussell-Schweben in den Beinen.

Ja, ich glaube, so fühlt es sich an.

Die schwierigsten Jahre sollten mir noch bevorstehen. Nach der Pubertät hielt ich das Gefühl der subjektiven Andersartigkeit nicht mehr aus. Ich beschloss abermals, normal zu werden. Ich wollte die Kontrolle über mich erlangen. Immer wieder zerstritt ich mich mit meinen Eltern, weil ich alle wichtigen Entscheidungen aus dem Bauch heraus traf und zunehmend mehr Mahnungen per Post zugeschickt bekam. Ich begann ein Studium, das ich alle paar Tage wieder abbrechen wollte. Meine Eltern hinderten mich zum Glück jedes einzelne Mal daran. Schliesslich zog ich aus. Das tat mir gut. Aber es änderte nichts daran, dass die Uni ein täglicher Kampf für mich war. Ich hatte immer viel zu viel zu tun: Studieren, Nebenjobs, Hobbys und Freunde treffen. Manchmal überforderte mich das und ich wurde traurig. Was mich aber noch mehr überforderte, war Langeweile. Und die Tatsache, dass ich oft aus einer Laune heraus Dinge tat oder sagte, die ich im Nachhinein selber nicht verstand. 

Irgendwie schaffte ich meinen Bachelor-Abschluss und nur wenige Menschen hatten den Kampf mitbekommen, den ich heimlich mit mir selber führte. Einige wenige Menschen hatten immer an mich geglaubt. Sie hatten mich getragen an jenen Tagen, an denen ich besonders überfordert war und meine Andersartigkeit in geballter Ladung zu spüren bekam. Als einer dieser Menschen wegfiel, merkte ich, dass ich etwas unternehmen musste. Auf der Flucht vor dem Chaos in meinem Kopf überforderte ich mich selber und das rund um die Uhr. Auf der Flucht vor der Realität, in der ich mit all den unbezahlten Rechnungen und kleinen Missgeschicken konfronitiert war, zog ich mich selber immer mehr zurück. Kaum jemand wusste, wie ich mich manchmal fühlte. Ich machte den Anschein, alles im Griff zu haben. Niemand sah die Kraft, die es mir abverlangte, alles irgendwie zusammenzuhalten. Niemand wusste, wie es sich anfühlt, immer ein wenig neben der Spur zu stehen. 

Andersartigkeit und nicht konstruierte Individualität

Und heute sitze ich nun hier. Mit der sehr eindeutigen Diagnose. Was ich damit mache, weiss ich selber noch nicht so ganz. Dinge anzupacken, die nicht superdringend sind, fällt mir noch immer wahnsinnig schwer. Und erzählt habe ich es den wenigsten. Doch etwas liegt mir wirklich am Herzen: Lange Zeit wurde ADHS fast ausschliesslich bei Jungs diagnostiziert. Mittlerweile geht man davon aus, dass ebenso viele Mädchen von dem Störungsbild betroffen sind. Bei rund der Hälfte aller ADHS-Betroffenen beliebt die Störung im Erwachsenenalter bestehen. Momentan wird untersucht und vermutet, dass Mädchen und vor allem Frauen eher zu nach innen gerichteten Symptomen wie Verträumtheit, emotionale Instabilität, Unsicherheit und Überforderung neigen. Jungs und Männer hingegen zeigen häufiger nach aussen gerichtete Syptome wie Aggressivität, Impulsivität und Hyperaktivität. Noch immer wird die Diagnose deutlich mehr Jungen als Mädchen ausgestellt. Ein nicht behandeltes ADHS (und damit meine ich keinesfalls nur den Einsatz von Ritalin) kann zu Suchterkrankungen, Angststörungen und Depressionen führen. Meiner Meinung nach ist es deshalb besonders wichtig, ein Auge auf ADHS-Fälle bei Mädchen und die damit verbundene Symptomatik zu halten. Niemand sollte mit dem Gefühl aufwachsen müssen, nirgendwo reinzupassen.

In unserer Gesellschaft steht Individualität an vorderster Stelle – jedoch nur solange sie auf auf eine bestimmte Art noch massentauglich ist. Fällt jemand wirklich und nicht bewusst aus dem Muster, ist er nicht mehr supercool individuell und etwas Spezielles, sondern eben einfach anders. Einem Mädchen mit ADHS fällt es sehr schwer, sein Auftreten genau zu planen und sich bestimmten gesellschaftliche Vorstellungen zu fügen. Seine Andersartigkeit soll nicht cool sein. Die ist einfach so da. Das ist für sein Umfeld sicher nicht immer ganz einfach. Aber trotzdem: Vielleicht sollten wir als Gesellschaft damit aufhören, konstruierte Individualität abzufeinern. Vielleicht sollten wir besser damit beginnen, uns Andersartikgeiten gegenüber wirklich zu öffnen – nicht nur solange sie auf irgendeine Weise gerade lukrativ oder cool sind. Ja, ich denke, das sollten wir tun. Auch für die kleinen Zappelphilippas unter uns, die Feen und Stillsitzen verfluchen (und damit ja vielleicht gar nicht so falsch liegen).

Häusliche Gewalt: Ausschnitte einer Geschichte, weil Schweigen auch nicht weiterhilft

Von Klara*, die sich den Wunsch nach Liebe aus dem Leib kotzte, und all seine Demütigungen so irgendwie ertrug. Ihre Geschichte hat sie nach und nach zu erzählen begonnen.

Er zog sie an sich, packte sie vielleicht ein bisschen zu fest an den Handgelenken und küsste sie entschlossen. Ihr war übel. Sie liess sich küssen und sah ihre Geschichte im Schnelldurchlauf vor ihren geschlossenen Augen. Schöner hätte es nicht beginnen können, die grosse Liebe. Vom ersten Tag an fühlten sie sich einander sehr vertraut und das Kribbeln wollte kein Ende nehmen, wenn sich ihre Blicke trafen. Klara dachte gerne an diese frühen Momente zurück, sie sah sie klar vor sich. Die Nacht, die nie hätte enden sollen, voller kühlem Bier und Gespräche über die ganz grossen Träume. Nie war ihr jemand so nah gekommen. Sie hatte wirklich geglaubt, dass Peter* sie glücklich machen würde bis ans Ende ihrer Tage. Er sah gut aus und war um einiges grösser als Klara, was sie anfangs sehr gemocht hatte. Wenn er neben ihr herging und seine grosse Hand ihre umfasste, fühlte sie sich geborgen. Mittlerweile waren diese Hände zur grössten Bedrohung geworden. Peter war gleichzeitig auch ein unscheinbarer Typ, der sich manchmal gar scheu gab. Wenn er wollte, konnte er wahnsinnig laut sein – und witzig. In solchen Momenten glaubte Klara hinter den leuchtend grünen Augen den kleinen Jungen zu erkennen, der sich nach ungebrochener Aufmerksamkeit und Wärme sehnte. Peter selbst sprach nie darüber, wie er sich gerade fühlte. Ursprünglich hatte Klara dies als typisch männliche Eigenschaft hingenommen, mit der Zeit war ihr aber klargeworden, dass vielleicht doch mehr dahintersteckte. Gefühle waren im Allgemeinen nicht so sein Ding. Zwar hatte er Klara immer durch seine Briefe und Blicke zeigen können, was sie ihm wirklich bedeutete, aber andere Gefühle schien er einfach nicht einordnen zu können. Bis die Ausfälle kamen: Mit Wut lässt sich alles sagen. Klara schüttelte den Kopf, während er sie noch immer küsste. Daran wollte sie nun wirklich nicht denken. Sie konzentrierte sich: Das wohlige Gefühl, wenn er ihr durch das offene Haar strich und sie mit einem sanften Lächeln anschaute, konnten all die schrecklichen Momente vergessen machen. Das stille Versprechen, wenn er ihr mit seinen warmen Lippen einen Kuss auf die Stirn gab, plötzlich vollkommen zärtlich, machte all das, was sie nie hätte erleben wollen, wieder gut. Ein Kuss auf die Stirn bedeutet doch Liebe, oder? Peter liebte sie. Seine Liebe war der Sturm, der sie abermals hoch hinauf in die Lüfte wirbelte. Seine Liebe war die sanfte Brise, die ihre Tränen trocknen liess. Und seine Liebe war der Orkan, der alles zerstörte. Klara schluckte leer. Ja, seine Liebe war alles, was sie jemals gebraucht hatte. Und alles, was ihr Leben für immer veränderte.

Peter schlug seinen Kopf gegen die Wand. Immer und immer wieder. Er schlug härter. Immer und immer wieder. Er begann zu bluten. „Alles deine Schuld!“

Leise liess sich Klara auf ihrem Bett nieder und knipste die Nachttischlampe an. Die gebrauchten Taschentücher waren ein Überbleibsel der letzten Nacht. Peter hatte sie wieder einmal aus ihrer eigenen Wohnung getrieben. Klara erinnerte sich an die quälenden Worte und an den schmerzhaften Griff um ihre Taille. Noch jetzt, eine Nacht später, spürte sie das Brennen seiner entfesselten Hände auf ihrer Haut. Wenige Zentimeter neben den Taschentüchern lag ihr Mobiltelefon, das oben rechts aufgeregt in wilder Farbe blinkte. Wo er jetzt wohl war? Ob er auch in seinem Bett lag, sich hin und her wälzte und doch irgendwie alles bereute. Oder zog er um die Häuser, verlor sich in einer beliebigen Bar mit seinen Jungs und wurde bei jeder Stange Bier ein bisschen gelassener. Ob ihre Schreie noch immer heimlich in seinen Ohren hallten? Urplötzlich hielt sie inne, die glasklaren Bilder des vorletzten Abends durchdrangen unangekündigt ihren Kopf: Da war Peter. Er packte sie, drückte sie an die Wand und stiess dabei seine Fingernägel in ihre Oberarme. Klara zuckte zusammen und begann zu schreien, aber nur so laut, dass sie ausschliessen konnte, dass die Nachbaren sie hören konnten. Er lockerte den Griff und liess Klara langsam zu Boden sacken. Dann sah er sie an. Die Augen zusammengekniffen und den Mund geöffnet, sodass man seine Zähne sehen konnte. Er wollte etwas sagen, aber stiess nur wutentbrannte Laute aus. Klara’s Schreie wurden zu einem flehenden Weinen. Peter kickte mit dem Fuss gegen ihr rechtes Schienbein und Klara griff nach ihren Kopfhörern. Seine Worte mit viel zu lauter, viel zu harter Musik zu übertönen, war alles, was sie in diesem Moment wollte. Er stiess erneut mit dem Fuss gegen sie und begann zu sprechen. Klara kniff sich die Ohren zusammen und versuchte verzweifelt, die Stöpsel in ihre Ohren zu drücken. Peter beleidigte sie. Er riss ihre Kopfhörer entzwei. Klara vergass die Worte, ehe sie sie richtig verstanden hatte. Sie blickte zu ihm hoch „…alles deine Schuld! Du machst mich kaputt, du machst mich klein, du Schlampe!“ Und dann machte er einen grossen Schritt auf die Wand zu. Peter schlug seinen Kopf gegen die Wand. Immer und immer wieder. Er schlug härter. Immer und immer wieder. Er begann zu bluten. Immer und immer wieder. Wie von Sinnen rappelte sich Klara auf und versuchte, ihn von der Wand wegzuziehen. Sie erschrak, als sie sah, dass dieses Mal mehr Blut auf seiner Stirn war als sonst. „Schau, was du mir antust, du blödes Biest“, rief er. Seine Stimme klang messerscharf. „Das alles ist deine Schuld, du willst mich vernichten!“ Klara zerrte nun mit aller Kraft an seinem linken Arm, sie wollte ihn von der Wand wegbekommen und ermahnte ihn weinend, nicht so laut zu sein. Klara wollte nicht, dass die Nachbaren sie am nächsten Tag komisch anschauen würden. Klara wollte nicht, dass jemand mitbekam, was zwischen ihnen vorfiel. Klara wollte nicht wahrhaben, was da vorfiel. Peter schrieb schöne Briefe für sie. Peter verletzte sich für sie. Peter liebte sie. Tränen strömten ihr die Wangen herunter, sie nahm den salzigen Geruch wahr, der ihr nur zu gut bekannt war. Peter hasste sie so sehr und er liebte sie noch mehr.

Und immer wieder redete sie sich ein: „Ab heute wird alles besser werden. Ab heute muss ich einfach ein bisschen stärker sein.“ Aufgeben war nie eine Option.

Klara fühlte sich schuldig. Sie hätte ihm gerne geholfen. Es kam nicht selten vor, dass er nach einem Wutanfall weinend in ihren Armen lag. Kraftlos, laut schluchzend und warm. Sie konnte nicht anders als ihm irgendwann über die Stirn zu streichen und zu hoffen, dass er nun alles eingesehen hatte. Sie wünschte sich so sehr, dass alles gut werden würde. Sie zitterte, während er weinte und ihr Kopf stechend schmerzte. Da war diese Beule, die niemand sehen konnte. Nur einige Male hatte ihr Vater sie nach den blauen Flecken auf dem linken Oberarm gefragt. Sie sei gegen die Türklinke gestossen oder habe sich beim Sport im Fitnessraum verletzt. Ihr Vater hatte ihr geglaubt. Wieso hätte er dies nicht tun sollen? Klara war noch so jung und die beiden schienen immer frisch verliebt. Niemand hatte Verdacht geschöpft, lange Zeit war Klara selbst nicht einmal bewusst gewesen, was da vor sich ging. Und selbst jetzt, als ihr klar wurde, dass all dies nie so passieren dürfte, konnte sie es nicht wirklich glauben. Häusliche Gewalt. Missbrauch. Solche Begriffe las man höchstens in Fachzeitschriften oder stiess in den Nachrichten auf irgendwelche Statistiken zum Thema. Aber hier? In ihrem Schlafzimmer oder in seiner Wohnung? Ihr, Klara? Nein, ihr konnte so etwas unmöglich passieren. Frauen, denen so etwas widerfahren war, taten einem wirklich leid. Klara tat sich selber nicht leid, im Gegenteil. Klara fühlte sich schuldig. Vielleicht war sie nicht gut genug? Vielleicht hätte sie ihn mehr unterstützen müssen in all den Dingen, die er gerne tat? Langsam zog sie ihre Beine an sich, sodass das Sitzen fast ein wenig unangenehm wurde. Sie atmete tief ein. Ab heute würde alles besser werden. Ab heute würden sie wieder glücklich sein. Sie würde eine bessere Freundin sein von nun an und bald würden sie über die schlimmen Szenen lachen können, gemeinsam und ganz laut. Sie musste einfach mal ein bisschen stark sein.

Ja, dieser Wunsch nach bedingungsloser, stiller und friedlicher Liebe war es, den Klara am liebsten aus sich rauskotzte.

Klara erbrach sich. Danach ging sie einkaufen. Alles in solchen Mengen, dass es nicht auffällig war, aber dennoch genug, um einen halben Tag damit zu verbringen. Verzweifelt suchte sie fast fünf ganze Minuten nach den kleinen Milchbrötchen mit Schokoladenstücken. Die hatte sie als Kind immer essen wollen, aber es war ihr nie erlaubt worden. Jetzt konnte sie eine ganze Packung davon in drei Minuten verschlingen. Jetzt konnte sie all ihre Wut und ihre Angst in diese Milchbrötchen stecken und sie heimlich wieder auskotzen. Manchmal fühlte es sich dabei so an, als würde sie ihre ganze Wut aus sich herauswürgen. All die Beleidigungen und all die Schläge von Peter. Die Menschen, die sie angeblich so mochten, aber nie da gewesen waren – vielleicht auch, weil Klara ihnen niemals erzählt hätte, was vor sich ging. Einer guten Frau wäre so etwas nie passiert.  Eine gute Frau hätte Peter doch lieben können ohne diese ganze Gewalt und die Beleidigungen, oder? Klara fror, während sie Schokoladereste aus ihrer Tasche in schnellen Bissen ass. Sie sehnte sich nach Wärme und nach Liebe. Ja, dieser Wunsch nach bedingungsloser stiller und friedlicher Liebe war es, den Klara am liebsten aus sich rauskotzte. Immer und immer wieder, ohne, dass er dabei kleiner wurde. Sie wusste durchaus, dass diese Fresserei und Kotzerei ihr nicht weiterhelfen konnten. All das würde Peter nicht vergessen machen. Klara schämte sich, aber sie brauchte es auch. Es war ihr Anker an besonders schwierigen Tagen. Hielt sie sich an diesen beiden ungesunden Tätigkeiten fest, war sie abgelenkt vom Leben und davon, sich Liebe zu wünschen. Ein wenig geknickt und beschämt bezahlte sie ihren Einkauf und begann schon auf dem kurzen Nachhauseweg damit, sich die weichen Milchbrötchen in den Mund zu schieben. Fressen war immer noch besser als Reden. Schokolade fragte nicht nach ihrer Geschichte und ihren Verletzungen. Schokolade rannte nicht davon, sobald sie ehrlich zu erzählen begann. Schokolade konnte ihr nicht wehtun und sie nicht verlassen. Die Schokolade und das Kotzen gehörten ihr alleine, niemand wusste davon, denn Klara war ein Strahlenmädchen. Klara war witzig und manchmal frech. Sie redete gerne und viel und sie lachte zu laut. Aber Klara war niemals schwach. Sie verschlang das Milchböchten ohne gross zu kauen und stellte erleichtert fest, wie sie mit jedem Bissen weniger klare Gedanken fassen konnte. Sie hörte auf zu denken, zu fühlen. Die Angst war weggeblasen und die Gefahr vorbei.

Klara schrieb in ihr Tagebuch, das sie mir zeigte: Und nun sitze ich hier. Alles, was ich weiss, ist, dass es keine Prinzen gibt. An manchen Tagen, da renne ich lieber weg – ganz schnell – als mich der Tatsache zu stellen, dass das hier kein Märchen ist. Ich bin keine Prinzessin, aber auch kein gewöhnliches Mädchen. Auf meinem Rücken liegt eine Geschichte, die ich immer mit mir trage, wohin ich auch renne. Die Geschichte ist ein bisschen schlimm und ein bisschen heimlich. Die Geschichte ist schwarz und tränenschwer. An regnerischen Wintertagen fühle ich mich allein mit ihr. Im Sommer überfällt sie mich in der Nacht. Vergeblich wünsch ich mir, dass das hier doch noch zum Märchen wird, sobald der Tag kommt. Vergeblich renne ich weg – es ist mühsam und doch tue ich es immer wieder. Die Hoffnung aufgeben, werde ich trotzdem nie. 

*Ich nenne sie hier einfach mal Klara und Peter – die echten Namen möchte sie nicht preisgeben.