Mauern des Schweigens

Manchmal sah ich dich vor meinen Augen zerbrechen. Ich war zu klein, zu schwach, um dich wieder zusammenzusetzen. Und meine Hilfe hättest du ohnehin nicht gewollt. Es hat dann ein bisschen gedauert. Es hat geschmerzt. Aber irgendwann warst du immer wieder ganz. Ganz die Alte. Die Grosse. Die mit der unglaublichen Kraft. Die, die ich so sehr brauchte. Du hast dich durchgekämpft. Jede Hürde hast du ganz allein genommen. Jeder noch so hohen Erwartung hast du dich gestellt. Eigentlich hast du nie jemanden enttäuscht. Du hast immer alles erreicht, was sie von dir wollten. Und noch mehr. Du hast alles geschafft. Und dann war da noch ich. Ich wollte, dass du mich im Arm hältst, während du von Termin zu Termin rennen musstest. Aber noch viel mehr wollte ich die Tränen in deinen Augen verstehen, wenn du mal zur Ruhe kommen konntest. Die Mauer, die du um dich herum erbaut hast, war zu hoch für mich. Das hat wehgetan. Ich habe nie begriffen, dass sie auch mich schützen sollte. Ich wollte sie weghaben. Am besten gleich sofort. Für immer.

Du hast es dir nicht erlaubt, auch mal aufzugeben. Du hast immer weitergemacht. Und sie alle konnten die Mauer nicht sehen, konnten dich nicht fallen sehen. Vielleicht war ich das Lichtlein in der Dunkelheit dort hinten. Doch wer lehrte mir, wie es wirklich geht, zu scheinen? Zu strahlen? Ich wollte doch nur dich. Aber meine endlosen Fragen liessen die Mauer noch höher werden. Ich konnte nicht aufgeben, nicht nachlassen. Vielleicht hab ich das ja von dir. Vielleicht ist meine Hartnäckigkeit auch deine. Genauso wie deine Mauer auch meine war. Gefangenschaft und Rettung zugleich. Himmel und Hölle.

Eine Geschichte, die niemand wirklich hören möchte von Müttern, die Mauern bauen.

Und erst als ich älter wurde, verstand ich: Hinter der Mauer bist nicht nur du. Da ist auch eine Geschichte, die du selbst kaum erzählen kannst, vielleicht nicht mal richtig kennst. Eine Geschichte, die niemand wirklich hören möchte. Eine Geschichte von Frauen, die Mauern bauen, um auch ihre Töchter zu schützen. Mauern, die den Frauen ermöglichen, weiterzumachen. Mauern, die die kleinen Töchter gar nicht verstehen können. Mauern, die sich zwischen die Mama und ihr Mädchen stellen. Mauern, ohne die es trotz allem einfach nicht gehen würde. Ja, es sind Mauern des Schweigens. Und da sind heimliche Tränen. Misstrauen, das sich wie Gift in die Haut der ahnungslosen Mädchen frisst. Mütter, die stark sein müssen, weil sie keine andere Wahl haben. Und kleine Töchter, die als einzige sehen, wenn die Mama mit der riesigen Kraft in tausend Stücke zerbricht. Alles, was bleibt, ist das laute Schweigen. Das kleine Mädchen, das sich nach einer Umarmung sehnt und die grosse Frau, die körperliche Nähe nicht mehr ertragen kann. Da liegt diese Unsicherheit in der Luft, die angespannte Angst und dieser aggressive Schmerz.

Vielleicht waren die Mauern weniger gefährlich als die Freiheit.

Die Geschichte ist länger. Sie beginnt bei ihr mit dem wärmsten Herzen, das eine Frau nur haben konnte. Und doch hat sie uns nie berührt. Sie war immer da für uns und trotzdem so weit weg. Es war, als würde ihr ein Teil von sich selber fehlen. Und all die Erinnerungen waren versteckt hinter ihrer Mauer, die auch dich schützen sollte. Und hinter deiner Mauer, die auch mich schützen sollte.

Komm lass uns die Mauern abbauen. Weisst du, jetzt geht das. Heute ist es ein bisschen leichter, über sowas zu sprechen. Heute hören sie zumindest einmal hin. Heute bekommt man Hilfe, die besser ist als das endlose Mauerbauen. Sie hatte dieses Glück nicht. Sie musste weitermachen, Töchter grossziehen und beschützen trotz ihrer eigenen Hilflosigkeit. Da war niemand, dem sie so sehr vertrauen konnte. Wie gross ihre Angst um dich gewesen sein muss? Vielleicht war sie deshalb manchmal so kalt. Vielleicht war es die beste Lösung. Vielleicht waren die Mauern weniger gefährlich als die Freiheit. Und vielleicht war ihre Kälte auch einfach die Überreste der Liebe, die sie noch zu geben hatte. Die gehörten ganz uns. Die hat sie sich nicht nehmen lassen. Da ist sie wieder, diese Hartnäckigkeit. Die auch deine ist. Und meine. Aber weisst du, heute – ja, heute dürfen wir über den Schmerz reden. Heute müssen wir nicht mehr allein sein. Heute dürfen wir auch mal aufgeben. Heute ist schwach sein manchmal sogar okay. Ja, lass uns zum ersten Mal wirklich gewinnen. Lass uns selber bestimmen, welche Erwartungen wir erfüllen wollen. Und lass uns den Schmerz zulassen. Wir haben ihn von Generation zu Generation getragen, die Mauern sind immer höher geworden. Aber ihre Zeit ist jetzt gekommen. Lass uns ganz viel Mut sammeln und lass uns reden. Lass uns uns in den Armen halten. Lass uns kämpfen für all die Mütter und ihre kleinen Töchter, auf die diese Welt noch wartet.

Alles, was euch blieb, war das schmerzverzerrte Schweigen. Aber heute können wir reden. Und wir sollten nie mehr aufhören damit.

Du bist gefallen und wieder aufgestanden. Jedes einzelne Mal. Du hast alles geschafft. Du hast mich zu der Frau gemacht, die ich jetzt bin. Und all das hast du durch deine riesige Mauer hindurch getan. Stell dir vor, welche Kraft in Frauen steckt, wenn sie solche Mauern nicht mehr brauchen. Welche Liebe sie zu geben haben, wenn ihnen keiner mehr ihre Freiheit nimmt. Wir sollten reden. Jetzt sofort. Und wir sollten damit nicht mehr aufhören. Wir sollten dafür sorgen, dass keine Frau mehr so leiden muss wie sie. Und dafür, dass keine Tochter sich mehr in all den ungeklärten Fragen und der latenten Angst verirren muss.

Ich glaube, ich musste erst erwachsen werden, um zu verstehen, dass ihr all das nicht gegen, sondern für mich getan habt. Dass hinter diesen Mauern eine umfassende Einsamkeit steckt, die ihr mir vorenthalten wolltet. Leere, fehlende Worte. Hilflosigkeit. Und diese Geschichte. Jetzt sehe ich ganz klar vor mir, was ihr alles geschafft habt. Ihr seid alles andere als kaltherzig und feige. Ihr seid Liebe. Ihr wolltet nicht, dass eure Töchter einmal dieselben Erinnerungen plagen wie euch. Aber ihr konntet noch nicht reden. Alles, was euch blieb, war das schmerzverzerrte Schweigen. Deshalb sind die Wunden nie geheilt. Deshalb ist eure Geschichte von Narben übersät. Deshalb tut sie auch den Töchtern weh. Aber dadurch, dass ihr immer weitergemacht habt, habt ihr dafür gesorgt, dass es uns heute besser ergehen könnte. Wir müssen nur eins tun: Reden und zwar über jedes einzelne hässliche und entwürdigende Detail. Über all die Abartigkeit und das Unbegreifliche. Wir müssen zeigen, dass unsere Liebe grösser ist. Die Liebe zwischen Mutter und Tochter. Die Liebe, die sie uns nicht nehmen konnten.

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Autor: Julie

Studentin, Journalistin, Blumenliebhaberin und Joggerin auf der Suche nach der Schönheit im Kleinen und der Leichtigkeit im Grossen

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