Warum Solidarität so viel wichtiger ist als Liebhaber und Körperfett

Seit 48 Jahren besitzen Frauen in der Schweiz das Stimmrecht. Es ist also noch gar nicht lange her, dass Frauen politisch so gut wie gar nicht mitbestimmen konnten. In Anbetracht der heutigen Situation ist das schwer vorstellbar. Gleichberechtigung ist in aller Munde, der Hashtag #girlpower erlebt genauso wie die Farbe Pink seinen Höhepunkt. Auch Ratschläge wie „Mach dich nie von einem Mann abhängig!“ erteilen sich besten Freundinnen heute täglich. Und das ist noch längst nicht alles: Feminismus ist sogar cool geworden. Immer mehr Warenhäuser oder Mode-Labels bieten Kleidung oder Gadgets, die mit sogenannt feministischen Sprüchen und Zeichen versehen sind, an. Lidl wirbt mit dem Slogan „Werde Verkaufsleiterin und verdiene garantiert so viel wie deine männlichen Kollegen“ um weibliche Angestellte und Popstars bessern ihr Image damit auf, ihre getunten Instagram-Selfies mit ermutigenden Zitaten über die Weiblichkeit zu schmücken. Der neue Feminismus kommt verführerisch daher: rote Lippen, ein Girl-Power-Tattoo unter der Brust und die neuste Gucci-Tasche in der Hand. Feminismus ist sogar sexy geworden. Oder wurde die feministische Welle viel eher vom Kapitalismus eingeholt und langsam aufgefressen? Was macht eine Frau zu einer Feministin und welchen Feminismus brauchen wir heute? Ist es ein feministischer Akt, sich wochenlang die Achselhaare wachsen zu lassen und damit dem gängigen weiblichen Schönheitsideal den Mittelfinger zu zeigen: „Hey, ich kann genauso gut wie ein Mann zu meiner natürlichen Körperbehaarung stehen.“ 8 Wochen ihres Lebens verbringt eine Frau damit, sich die Körperhaare zu rasieren. 8 Wochen, in denen sie keine Zeit dafür hat, sich mit anderen, wichtigeren Dingen zu beschäftigen. Es gibt viele Argumente dafür, dass eine richtige Feministin auch eine Anti-Kapitalistin sein muss. Doch das ist ein anderes Thema. Genauso wie die Frage ob eine Feministin tatsächlich sexy sein kann oder nur unbequem? Klar ist: Der Feminismus hat sich seit 1971 stark verändert. Ich habe den Eindruck, dass ihm etwas Wichtiges abhanden gekommen ist.

Leider wahr: Dünn sein macht erfolgreich

Wir dürfen und müssen uns darüber aufregen, dass wissenschaftliche Studien die These „dünn = erfolgreich im Job“ für Frauen bestätigen. Das berüchtigte Wohlstandsbäuchlein des Mannes hingegen erweist sich nicht als Hindernis auf dessen Karriereleiter. Das ist unfair und daneben. Doch ist es tatsächlich der richtige Ansatz, mit den Fingern aufs böse alte Patriarchat zu zeigen, um diese Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen? Sind es heute wirklich nur die Männer, die uns vorgeben, wie wir auszusehen haben? Sind es nicht genauso wir Frauen untereinander, die uns mit kritischen Blicken von unten bis oben mustern? Ich persönlich habe öfter erlebt, wie eine Frau eine andere aufgrund von Äusserlichkeiten angepöbelt oder ausgegrenzt hat, als ich das von Männern sah. Instagram und Co. helfen uns dabei, unsere Körper in einen konstanten Wettbewerb zu schicken. Und wir geben den Äusserlichkeiten und diesem ständigen Vergleich viel Macht: „Sie ist dicker als ich, also ist sie keine Gefahr für mich.“ Gegentrends wie Body Positivity sind eigentlich toll. Frauen sollen essen und leben dürfen, wie sie wollen. Frauen sollen ihre Speckröllchen zeigen dürfen, ohne dafür niedergemacht zu werden. Frauen sollen nicht immer schön sein müssen. Doch diese Bewegung hat sich in gewisser Weise verlaufen. #Skinnyshaming hat #fatshaming abgelöst. Korpulente und magere Frauen bekämpfen sich in den sozialen Medien gegenseitig.

Solidarität unter Frauen

Ja, natürlich gibt es ihn noch, den Mann, der einfach gar nichts begriffen hat, und die tollsten Frauen wegen ihres Aussehens beleidigt. Sie öffentlich diskreditiert. Und ja, wir können auf diesen bösen Mann, der Ausdruck des Patriarchats ist, zeigen und ihn hassen. Doch das reicht nicht. Sollten wir Frauen diese Sache vielleicht nicht auch mal unter uns klären? Uns klar machen, dass wir uns damit schaden, wenn wir uns gegenseitig bekämpfen? Es ist richtig, dass wir als Frauen es punkto Karriere leichter haben, wenn wir gut aussehen. Das hat uns sehr wahrscheinlich das Patriarchat eingebrockt. Wir können deshalb eine Kampfansage an die Männer machen und hervorheben, wie ungerecht wir uns behandelt fühlen. Doch wieso müssen wir gleichzeitig auch auf diesen Zug aufspringen und uns gegenseitig wegen unserer Körper anfeinden oder fürchten? Meiner Meinung nach tut das keine Feministin. Eine Feministin zeigt sich solidarisch und reicht anderen Frauen die Hand – egal wie dick, dünn, blond oder klein sie sind. Eine Feministin hört den anderen Frauen zu. Das weibliche Anliegen per se gibt es nicht. In der heutigen Zeit, in der Frauen an die Urne gehen dürfen, gendergerechte Sprache in den öffentlichen Verwaltungen eingeführt werden soll und durch #metoo (hoffentlich) offener über häusliche Gewalt und sexuelle Übergriffe gesprochen wird, müssen die Feministinnen sich neu orientieren. Wir müssen uns zuerst darauf einigen, wofür wir wirklich kämpfen wollen. Erfassen, wo genau die Diskriminierung noch immer besonders deutlich zum Vorschein tritt und uns am meisten trifft. Dazu reicht kein Girl-Power-Tattoo oder ein Simone-de-Beauvoir-Zitat über dem Bett. Das alles macht uns nicht zur Feministin. Heute braucht der Feminismus vor allem eines: Solidarität. Und zwar bedingungslose. Von den 100 grössten Arbeitgebern der Schweiz haben nur gerade 4 eine Frau als CEO – genauso viele CEOs wie auf den Vornamen Urs hören. Auch das ist daneben und zeigt, wie untervertreten Frauen in Führungspositionen sind. Es braucht mehr von uns da oben. Jene Frauen, die es schaffen, sind heute meist kinderlos und schlank. Frauen, die konform sind, und besser in die Männerwelt passen als andere. Frauen, die mit der Fünffach-Mutter aus dem kleinen Bergdörfchen ziemlich wenig gemeinsam haben. Eine Feministin sollte versuchen, zwischen diesen beiden Frauen Brücken zu bauen, sie einander näher zu bringen. Denn erst, wenn die Frauen da oben jene Frauen ganz unten auch wirklich verstehen, kann sich meiner Meinung nach grundsätzlich etwas ändern. 

Die Feministin, die mich wegen eines Mannes zu hassen begann

Eine kleine Anekdote kann das alles vielleicht noch ein bisschen veranschaulichen. In meinem Umfeld gibt es eine junge Frau, die sich als Feministin bezeichnet. Sie setzt sich wirklich vehement für Frauenangelegenheiten ein und versucht, etwas zu bewegen. Doch als sie und ich denselben Mann gut fanden und sein Interesse an mir grösser war als an ihr, warf sie all ihre Prinzipien über Bord. Anstatt mit mir zu sprechen, begann sie damit, falsche Dinge über mich zu erzählen und mich als hässlich zu bezeichnen: „Kotzen könnte ich, wenn ich die sehe!“ Ja, ich bekam das alles mit und es machte mich traurig. Nicht weil mich ihre Beleidigungen trafen. Aus einem anderen Grund. Nur, weil ein gemeinsamer Bekannter mich offensichtlich lieber mochte als sie, zog sie mich durch den Dreck. Den Typen hingegen – der im Übrigen alles andere als immer ehrlich zu ihr war – bewunderte sie weiterhin, machte ihm keinerlei Vorwürfe. Ich also war die Blöde. Dabei hatte ich gar nichts getan. Sie hingegen schon. Sie hat ihm, dem jungen charmanten Mann, wahnsinnig viel Macht gegeben. Weil sie ihn nicht haben konnte, vergass sie alles, was sie über Feminismus und Frauen-Solidarität eigentlich wusste, und begann damit, mich zu bekämpfen. Wegen eines Mannes. Einem einzigen Typen. Krieg. Hätte sie anders gehandelt, mit mir gesprochen, hätten wir gemeinsam aufdecken können, wie unehrlich der ach-so-charmante Typ manchmal war. Wir hätten zusammen ein Glas Wein trinken und über unsere Gefühle reden können. Wir wären vielleicht Freundinnen geworden. Doch zwischen uns stand dieser Mann – weil wir einem möglichen Liebhaber noch immer mehr Wichtigkeit geben als einer tollen Freundin. Da genau liegt unsere Mitschuld an der heutigen Situation: Der Feministin fehlt Solidarität. Und zwar bedingungslose, zwischen die sich kein Kilogramm Fett und kein Mann stellen können.

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Autor: Julie

Studentin, Journalistin, Blumenliebhaberin und Joggerin auf der Suche nach der Schönheit im Kleinen und der Leichtigkeit im Grossen

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