Zappelphilippa und Hanna-guck-in-die-Luft: Wenn Anderssein nicht nur cool ist

Dieser Text ist ganz schön persönlich. Doch eigentlich soll es hier nicht um mich gehen, sondern um all die Mädchen und Frauen, die sich manchmal ein bisschen falsch fühlen.

Meine Geschichte

Ein bisschen anders war ich schon immer. Disney-Filme, gute Feen, kleine weisse Fohlen, schöne Sommerkleidchen, Bilderbuch malen – mit all dem hatte ich während meiner Mädchenjahre absolut nichts anfangen können. Im Kindergarten sass ich meist hilflos neben meinen Freundinnen, die voller Begeisterung schöne Scherenschnitte anfertigten. Ich selber konnte kaum die Schere in der Hand halten. Auch mit dem Schönschreiben wollte es nicht klappen. Eine Kindergärtnerin teilte meiner Mutter in einem verzweifelten Moment mit, man solle abklären, ob ich mit all diesen Schwierigkeiten vielleicht nicht besser eine Sonderschule besuchen würde. Was mir im Nachhinein auffällt: Ganz alleine stand ich mit diesen Problemen nicht da. Es gab auch den einen oder anderen Jungen in meiner Klasse, der den Buchstaben A hundertmal schreiben musste, bis er entzifferbar war. Wenn sich ein Junge weigerte, die Schere in die Hand zu nehmen, durfte er nach draussen spielen gehen. Gestört hat das niemanden. „Das ist halt ein wilder, ein echter Zappelphilipp“, meinte die Kindergärtnerin und das Thema war durch. Nicht so bei mir. Ich war das komische Mädchen.

Meine späteren Lehrerinnen konnten genauso wenig wie meine Freundinnen verstehen, wieso ich mich strikt und trotzig dagegen weigerte, eine Geschichte über Feen zu schreiben. Meine Beine waren zu jeder Jahreszeit übersät mit blauen, violetten und grünen Flecken. Andauernd fiel ich hin, lief in eine Strassenlaterne oder stiess mit übergrossen Steinen zusammen. Britney Spears war mir vollkommen egal, dafür wollte ich mit fünf Jahren wissen, was denn gerade und ungerade Zahlen seien. Ich glaube, manche fanden mich komisch oder arrogant. Dabei verstand ich schon in diesem Alter nicht, wieso ich mir Geschichten von Feen ausdenken sollte, wenn diese nutzlosen Märchenfiguren sowieso nicht existierten. Und ich konnte mir noch so viel Mühe geben: Stillsitzen und Malen waren für mich echte tägliche Herausforderungen. Manchmal wurde ich wütend, weil ich merkte, dass mir all das nicht gleich gut gelang wie den anderen Mädchen. Ich fühlte mich falsch und ungenügend. Mit sechs Jahren äusserte meine Kinderärztin gegenüber meinen Eltern den Verdacht, dass ich an einem ADHS leiden könnte. Es passte allles zusammen: Meine ganz sonderbare eigene Verträumtheit, die Tatsache, dass ich nie still sein konnte, manchmal aus dem nichts kleine Wutausbrüche bekam und feinmotorisch absolut unterentwickelt war. Nur etwas war komisch: Ich war ein Mädchen. Schliesslich entschloss man sich dazu, keine abschliessende Abklärung durchzuführen. Trotz einiger Schwierigkeiten waren meine schulischen Leistungen gut und ich war durchaus beliebt bei den anderen Kindern. Alles in Ordnung also – irgendwie. Oder?

Mit zwölf Jahren schrieb ich in mein Tagebuch, dass alle anderen Mädchen rund seien, nur ich, ich sei eckig. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch immer mit Ticks wie übermässigem Händeklatschen bei Freude, stundenlangem Gehen im Kreis auf dem blauen Wohnzimmer-Teppich meiner Eltern und nervösen Zuckungen der Bauchmuskulatur zu kämpfen. Meine Familie und Freunde hatten sich daran gewöhnt. Nur manchmal machten sie sich lustig über diese sonderbaren Eigenschaften meinerseits. Ich, die kleine eigenartige Tagträumerin, die sich andauernd verletzte und manchmal viel zu viel redete und nie schlief. Ich nahm mir immer wieder vor, diese Ticks hinter mir zu lassen. Nahm mir vor, mich zu beruhigen. Ich scheiterte jedes Mal. Es war, als hätte ich nicht genug Platz in mir für meine Gefühle und Gedanken. Die Ticks halfen mir, sie auszudrücken, sie rauszulassen. Doch ich wollte nicht länger das eckige Mädchen sein. Ich versuchte, mich zu kontrollieren. Ich schämte mich für mich, weil ich wahnsinnig dünn war und immer irgendwelche Beulen hatte. Manchmal konnte ich wochenlang nicht richtig essen und schlafen. Wie so oft fühlte mich falsch und dadurch auch einsam. Häufig aber war ich ein Energiebündel, mit dem kaum jemand mithalten konnte. Ich war ein regelrechtes Strahlemädchen mit einem Kopf voller neuer Ideen, die sofort, in genau diesem Moment, umgesetzt werden mussten.

Glühwürmchen-Regen in deinem Kopf,
Neonlicht-Feuer im Herzen
und Karussell-Schweben in den Beinen.

Ja, ich glaube, so fühlt es sich an.

Die schwierigsten Jahre sollten mir noch bevorstehen. Nach der Pubertät hielt ich das Gefühl der subjektiven Andersartigkeit nicht mehr aus. Ich beschloss abermals, normal zu werden. Ich wollte die Kontrolle über mich erlangen. Immer wieder zerstritt ich mich mit meinen Eltern, weil ich alle wichtigen Entscheidungen aus dem Bauch heraus traf und zunehmend mehr Mahnungen per Post zugeschickt bekam. Ich begann ein Studium, das ich alle paar Tage wieder abbrechen wollte. Meine Eltern hinderten mich zum Glück jedes einzelne Mal daran. Schliesslich zog ich aus. Das tat mir gut. Aber es änderte nichts daran, dass die Uni ein täglicher Kampf für mich war. Ich hatte immer viel zu viel zu tun: Studieren, Nebenjobs, Hobbys und Freunde treffen. Manchmal überforderte mich das und ich wurde traurig. Was mich aber noch mehr überforderte, war Langeweile. Und die Tatsache, dass ich oft aus einer Laune heraus Dinge tat oder sagte, die ich im Nachhinein selber nicht verstand. 

Irgendwie schaffte ich meinen Bachelor-Abschluss und nur wenige Menschen hatten den Kampf mitbekommen, den ich heimlich mit mir selber führte. Einige wenige Menschen hatten immer an mich geglaubt. Sie hatten mich getragen an jenen Tagen, an denen ich besonders überfordert war und meine Andersartigkeit in geballter Ladung zu spüren bekam. Als einer dieser Menschen wegfiel, merkte ich, dass ich etwas unternehmen musste. Auf der Flucht vor dem Chaos in meinem Kopf überforderte ich mich selber und das rund um die Uhr. Auf der Flucht vor der Realität, in der ich mit all den unbezahlten Rechnungen und kleinen Missgeschicken konfronitiert war, zog ich mich selber immer mehr zurück. Kaum jemand wusste, wie ich mich manchmal fühlte. Ich machte den Anschein, alles im Griff zu haben. Niemand sah die Kraft, die es mir abverlangte, alles irgendwie zusammenzuhalten. Niemand wusste, wie es sich anfühlt, immer ein wenig neben der Spur zu stehen. 

Andersartigkeit und nicht konstruierte Individualität

Und heute sitze ich nun hier. Mit der sehr eindeutigen Diagnose. Was ich damit mache, weiss ich selber noch nicht so ganz. Dinge anzupacken, die nicht superdringend sind, fällt mir noch immer wahnsinnig schwer. Und erzählt habe ich es den wenigsten. Doch etwas liegt mir wirklich am Herzen: Lange Zeit wurde ADHS fast ausschliesslich bei Jungs diagnostiziert. Mittlerweile geht man davon aus, dass ebenso viele Mädchen von dem Störungsbild betroffen sind. Bei rund der Hälfte aller ADHS-Betroffenen beliebt die Störung im Erwachsenenalter bestehen. Momentan wird untersucht und vermutet, dass Mädchen und vor allem Frauen eher zu nach innen gerichteten Symptomen wie Verträumtheit, emotionale Instabilität, Unsicherheit und Überforderung neigen. Jungs und Männer hingegen zeigen häufiger nach aussen gerichtete Syptome wie Aggressivität, Impulsivität und Hyperaktivität. Noch immer wird die Diagnose deutlich mehr Jungen als Mädchen ausgestellt. Ein nicht behandeltes ADHS (und damit meine ich keinesfalls nur den Einsatz von Ritalin) kann zu Suchterkrankungen, Angststörungen und Depressionen führen. Meiner Meinung nach ist es deshalb besonders wichtig, ein Auge auf ADHS-Fälle bei Mädchen und die damit verbundene Symptomatik zu halten. Niemand sollte mit dem Gefühl aufwachsen müssen, nirgendwo reinzupassen.

In unserer Gesellschaft steht Individualität an vorderster Stelle – jedoch nur solange sie auf auf eine bestimmte Art noch massentauglich ist. Fällt jemand wirklich und nicht bewusst aus dem Muster, ist er nicht mehr supercool individuell und etwas Spezielles, sondern eben einfach anders. Einem Mädchen mit ADHS fällt es sehr schwer, sein Auftreten genau zu planen und sich bestimmten gesellschaftliche Vorstellungen zu fügen. Seine Andersartigkeit soll nicht cool sein. Die ist einfach so da. Das ist für sein Umfeld sicher nicht immer ganz einfach. Aber trotzdem: Vielleicht sollten wir als Gesellschaft damit aufhören, konstruierte Individualität abzufeinern. Vielleicht sollten wir besser damit beginnen, uns Andersartikgeiten gegenüber wirklich zu öffnen – nicht nur solange sie auf irgendeine Weise gerade lukrativ oder cool sind. Ja, ich denke, das sollten wir tun. Auch für die kleinen Zappelphilippas unter uns, die Feen und Stillsitzen verfluchen (und damit ja vielleicht gar nicht so falsch liegen).

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Autor: Julie

Studentin, Journalistin, Blumenmädchen und Joggerin auf der Suche nach der Schönheit im Kleinen und der Leichtigkeit im Grossen

2 Kommentare zu „Zappelphilippa und Hanna-guck-in-die-Luft: Wenn Anderssein nicht nur cool ist“

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