Häusliche Gewalt: Ausschnitte einer Geschichte, weil Schweigen auch nicht weiterhilft

Von Klara*, die sich den Wunsch nach Liebe aus dem Leib kotzte, und all seine Demütigungen so irgendwie ertrug. Ihre Geschichte hat sie nach und nach zu erzählen begonnen.

Er zog sie an sich, packte sie vielleicht ein bisschen zu fest an den Handgelenken und küsste sie entschlossen. Ihr war übel. Sie liess sich küssen und sah ihre Geschichte im Schnelldurchlauf vor ihren geschlossenen Augen. Schöner hätte es nicht beginnen können, die grosse Liebe. Vom ersten Tag an fühlten sie sich einander sehr vertraut und das Kribbeln wollte kein Ende nehmen, wenn sich ihre Blicke trafen. Klara dachte gerne an diese frühen Momente zurück, sie sah sie klar vor sich. Die Nacht, die nie hätte enden sollen, voller kühlem Bier und Gespräche über die ganz grossen Träume. Nie war ihr jemand so nah gekommen. Sie hatte wirklich geglaubt, dass Peter* sie glücklich machen würde bis ans Ende ihrer Tage. Er sah gut aus und war um einiges grösser als Klara, was sie anfangs sehr gemocht hatte. Wenn er neben ihr herging und seine grosse Hand ihre umfasste, fühlte sie sich geborgen. Mittlerweile waren diese Hände zur grössten Bedrohung geworden. Peter war gleichzeitig auch ein unscheinbarer Typ, der sich manchmal gar scheu gab. Wenn er wollte, konnte er wahnsinnig laut sein – und witzig. In solchen Momenten glaubte Klara hinter den leuchtend grünen Augen den kleinen Jungen zu erkennen, der sich nach ungebrochener Aufmerksamkeit und Wärme sehnte. Peter selbst sprach nie darüber, wie er sich gerade fühlte. Ursprünglich hatte Klara dies als typisch männliche Eigenschaft hingenommen, mit der Zeit war ihr aber klargeworden, dass vielleicht doch mehr dahintersteckte. Gefühle waren im Allgemeinen nicht so sein Ding. Zwar hatte er Klara immer durch seine Briefe und Blicke zeigen können, was sie ihm wirklich bedeutete, aber andere Gefühle schien er einfach nicht einordnen zu können. Bis die Ausfälle kamen: Mit Wut lässt sich alles sagen. Klara schüttelte den Kopf, während er sie noch immer küsste. Daran wollte sie nun wirklich nicht denken. Sie konzentrierte sich: Das wohlige Gefühl, wenn er ihr durch das offene Haar strich und sie mit einem sanften Lächeln anschaute, konnten all die schrecklichen Momente vergessen machen. Das stille Versprechen, wenn er ihr mit seinen warmen Lippen einen Kuss auf die Stirn gab, plötzlich vollkommen zärtlich, machte all das, was sie nie hätte erleben wollen, wieder gut. Ein Kuss auf die Stirn bedeutet doch Liebe, oder? Peter liebte sie. Seine Liebe war der Sturm, der sie abermals hoch hinauf in die Lüfte wirbelte. Seine Liebe war die sanfte Brise, die ihre Tränen trocknen liess. Und seine Liebe war der Orkan, der alles zerstörte. Klara schluckte leer. Ja, seine Liebe war alles, was sie jemals gebraucht hatte. Und alles, was ihr Leben für immer veränderte.

Peter schlug seinen Kopf gegen die Wand. Immer und immer wieder. Er schlug härter. Immer und immer wieder. Er begann zu bluten. „Alles deine Schuld!“

Leise liess sich Klara auf ihrem Bett nieder und knipste die Nachttischlampe an. Die gebrauchten Taschentücher waren ein Überbleibsel der letzten Nacht. Peter hatte sie wieder einmal aus ihrer eigenen Wohnung getrieben. Klara erinnerte sich an die quälenden Worte und an den schmerzhaften Griff um ihre Taille. Noch jetzt, eine Nacht später, spürte sie das Brennen seiner entfesselten Hände auf ihrer Haut. Wenige Zentimeter neben den Taschentüchern lag ihr Mobiltelefon, das oben rechts aufgeregt in wilder Farbe blinkte. Wo er jetzt wohl war? Ob er auch in seinem Bett lag, sich hin und her wälzte und doch irgendwie alles bereute. Oder zog er um die Häuser, verlor sich in einer beliebigen Bar mit seinen Jungs und wurde bei jeder Stange Bier ein bisschen gelassener. Ob ihre Schreie noch immer heimlich in seinen Ohren hallten? Urplötzlich hielt sie inne, die glasklaren Bilder des vorletzten Abends durchdrangen unangekündigt ihren Kopf: Da war Peter. Er packte sie, drückte sie an die Wand und stiess dabei seine Fingernägel in ihre Oberarme. Klara zuckte zusammen und begann zu schreien, aber nur so laut, dass sie ausschliessen konnte, dass die Nachbaren sie hören konnten. Er lockerte den Griff und liess Klara langsam zu Boden sacken. Dann sah er sie an. Die Augen zusammengekniffen und den Mund geöffnet, sodass man seine Zähne sehen konnte. Er wollte etwas sagen, aber stiess nur wutentbrannte Laute aus. Klara’s Schreie wurden zu einem flehenden Weinen. Peter kickte mit dem Fuss gegen ihr rechtes Schienbein und Klara griff nach ihren Kopfhörern. Seine Worte mit viel zu lauter, viel zu harter Musik zu übertönen, war alles, was sie in diesem Moment wollte. Er stiess erneut mit dem Fuss gegen sie und begann zu sprechen. Klara kniff sich die Ohren zusammen und versuchte verzweifelt, die Stöpsel in ihre Ohren zu drücken. Peter beleidigte sie. Er riss ihre Kopfhörer entzwei. Klara vergass die Worte, ehe sie sie richtig verstanden hatte. Sie blickte zu ihm hoch „…alles deine Schuld! Du machst mich kaputt, du machst mich klein, du Schlampe!“ Und dann machte er einen grossen Schritt auf die Wand zu. Peter schlug seinen Kopf gegen die Wand. Immer und immer wieder. Er schlug härter. Immer und immer wieder. Er begann zu bluten. Immer und immer wieder. Wie von Sinnen rappelte sich Klara auf und versuchte, ihn von der Wand wegzuziehen. Sie erschrak, als sie sah, dass dieses Mal mehr Blut auf seiner Stirn war als sonst. „Schau, was du mir antust, du blödes Biest“, rief er. Seine Stimme klang messerscharf. „Das alles ist deine Schuld, du willst mich vernichten!“ Klara zerrte nun mit aller Kraft an seinem linken Arm, sie wollte ihn von der Wand wegbekommen und ermahnte ihn weinend, nicht so laut zu sein. Klara wollte nicht, dass die Nachbaren sie am nächsten Tag komisch anschauen würden. Klara wollte nicht, dass jemand mitbekam, was zwischen ihnen vorfiel. Klara wollte nicht wahrhaben, was da vorfiel. Peter schrieb schöne Briefe für sie. Peter verletzte sich für sie. Peter liebte sie. Tränen strömten ihr die Wangen herunter, sie nahm den salzigen Geruch wahr, der ihr nur zu gut bekannt war. Peter hasste sie so sehr und er liebte sie noch mehr.

Und immer wieder redete sie sich ein: „Ab heute wird alles besser werden. Ab heute muss ich einfach ein bisschen stärker sein.“ Aufgeben war nie eine Option.

Klara fühlte sich schuldig. Sie hätte ihm gerne geholfen. Es kam nicht selten vor, dass er nach einem Wutanfall weinend in ihren Armen lag. Kraftlos, laut schluchzend und warm. Sie konnte nicht anders als ihm irgendwann über die Stirn zu streichen und zu hoffen, dass er nun alles eingesehen hatte. Sie wünschte sich so sehr, dass alles gut werden würde. Sie zitterte, während er weinte und ihr Kopf stechend schmerzte. Da war diese Beule, die niemand sehen konnte. Nur einige Male hatte ihr Vater sie nach den blauen Flecken auf dem linken Oberarm gefragt. Sie sei gegen die Türklinke gestossen oder habe sich beim Sport im Fitnessraum verletzt. Ihr Vater hatte ihr geglaubt. Wieso hätte er dies nicht tun sollen? Klara war noch so jung und die beiden schienen immer frisch verliebt. Niemand hatte Verdacht geschöpft, lange Zeit war Klara selbst nicht einmal bewusst gewesen, was da vor sich ging. Und selbst jetzt, als ihr klar wurde, dass all dies nie so passieren dürfte, konnte sie es nicht wirklich glauben. Häusliche Gewalt. Missbrauch. Solche Begriffe las man höchstens in Fachzeitschriften oder stiess in den Nachrichten auf irgendwelche Statistiken zum Thema. Aber hier? In ihrem Schlafzimmer oder in seiner Wohnung? Ihr, Klara? Nein, ihr konnte so etwas unmöglich passieren. Frauen, denen so etwas widerfahren war, taten einem wirklich leid. Klara tat sich selber nicht leid, im Gegenteil. Klara fühlte sich schuldig. Vielleicht war sie nicht gut genug? Vielleicht hätte sie ihn mehr unterstützen müssen in all den Dingen, die er gerne tat? Langsam zog sie ihre Beine an sich, sodass das Sitzen fast ein wenig unangenehm wurde. Sie atmete tief ein. Ab heute würde alles besser werden. Ab heute würden sie wieder glücklich sein. Sie würde eine bessere Freundin sein von nun an und bald würden sie über die schlimmen Szenen lachen können, gemeinsam und ganz laut. Sie musste einfach mal ein bisschen stark sein.

Ja, dieser Wunsch nach bedingungsloser, stiller und friedlicher Liebe war es, den Klara am liebsten aus sich rauskotzte.

Klara erbrach sich. Danach ging sie einkaufen. Alles in solchen Mengen, dass es nicht auffällig war, aber dennoch genug, um einen halben Tag damit zu verbringen. Verzweifelt suchte sie fast fünf ganze Minuten nach den kleinen Milchbrötchen mit Schokoladenstücken. Die hatte sie als Kind immer essen wollen, aber es war ihr nie erlaubt worden. Jetzt konnte sie eine ganze Packung davon in drei Minuten verschlingen. Jetzt konnte sie all ihre Wut und ihre Angst in diese Milchbrötchen stecken und sie heimlich wieder auskotzen. Manchmal fühlte es sich dabei so an, als würde sie ihre ganze Wut aus sich herauswürgen. All die Beleidigungen und all die Schläge von Peter. Die Menschen, die sie angeblich so mochten, aber nie da gewesen waren – vielleicht auch, weil Klara ihnen niemals erzählt hätte, was vor sich ging. Einer guten Frau wäre so etwas nie passiert.  Eine gute Frau hätte Peter doch lieben können ohne diese ganze Gewalt und die Beleidigungen, oder? Klara fror, während sie Schokoladereste aus ihrer Tasche in schnellen Bissen ass. Sie sehnte sich nach Wärme und nach Liebe. Ja, dieser Wunsch nach bedingungsloser stiller und friedlicher Liebe war es, den Klara am liebsten aus sich rauskotzte. Immer und immer wieder, ohne, dass er dabei kleiner wurde. Sie wusste durchaus, dass diese Fresserei und Kotzerei ihr nicht weiterhelfen konnten. All das würde Peter nicht vergessen machen. Klara schämte sich, aber sie brauchte es auch. Es war ihr Anker an besonders schwierigen Tagen. Hielt sie sich an diesen beiden ungesunden Tätigkeiten fest, war sie abgelenkt vom Leben und davon, sich Liebe zu wünschen. Ein wenig geknickt und beschämt bezahlte sie ihren Einkauf und begann schon auf dem kurzen Nachhauseweg damit, sich die weichen Milchbrötchen in den Mund zu schieben. Fressen war immer noch besser als Reden. Schokolade fragte nicht nach ihrer Geschichte und ihren Verletzungen. Schokolade rannte nicht davon, sobald sie ehrlich zu erzählen begann. Schokolade konnte ihr nicht wehtun und sie nicht verlassen. Die Schokolade und das Kotzen gehörten ihr alleine, niemand wusste davon, denn Klara war ein Strahlenmädchen. Klara war witzig und manchmal frech. Sie redete gerne und viel und sie lachte zu laut. Aber Klara war niemals schwach. Sie verschlang das Milchböchten ohne gross zu kauen und stellte erleichtert fest, wie sie mit jedem Bissen weniger klare Gedanken fassen konnte. Sie hörte auf zu denken, zu fühlen. Die Angst war weggeblasen und die Gefahr vorbei.

Klara schrieb in ihr Tagebuch, das sie mir zeigte: Und nun sitze ich hier. Alles, was ich weiss, ist, dass es keine Prinzen gibt. An manchen Tagen, da renne ich lieber weg – ganz schnell – als mich der Tatsache zu stellen, dass das hier kein Märchen ist. Ich bin keine Prinzessin, aber auch kein gewöhnliches Mädchen. Auf meinem Rücken liegt eine Geschichte, die ich immer mit mir trage, wohin ich auch renne. Die Geschichte ist ein bisschen schlimm und ein bisschen heimlich. Die Geschichte ist schwarz und tränenschwer. An regnerischen Wintertagen fühle ich mich allein mit ihr. Im Sommer überfällt sie mich in der Nacht. Vergeblich wünsch ich mir, dass das hier doch noch zum Märchen wird, sobald der Tag kommt. Vergeblich renne ich weg – es ist mühsam und doch tue ich es immer wieder. Die Hoffnung aufgeben, werde ich trotzdem nie. 

*Ich nenne sie hier einfach mal Klara und Peter – die echten Namen möchte sie nicht preisgeben.

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Autor: Julie

Studentin, Journalistin, Blumenmädchen und Joggerin auf der Suche nach der Schönheit im Kleinen und der Leichtigkeit im Grossen

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