Zappelphilippa und Hanna-guck-in-die-Luft: Wenn Anderssein nicht nur cool ist

Dieser Text ist ganz schön persönlich. Doch eigentlich soll es hier nicht um mich gehen, sondern um all die Mädchen und Frauen, die sich manchmal ein bisschen falsch fühlen.

Meine Geschichte

Ein bisschen anders war ich schon immer. Disney-Filme, gute Feen, kleine weisse Fohlen, schöne Sommerkleidchen, Bilderbuch malen – mit all dem hatte ich während meiner Mädchenjahre absolut nichts anfangen können. Im Kindergarten sass ich meist hilflos neben meinen Freundinnen, die voller Begeisterung schöne Scherenschnitte anfertigten. Ich selber konnte kaum die Schere in der Hand halten. Auch mit dem Schönschreiben wollte es nicht klappen. Eine Kindergärtnerin teilte meiner Mutter in einem verzweifelten Moment mit, man solle abklären, ob ich mit all diesen Schwierigkeiten vielleicht nicht besser eine Sonderschule besuchen würde. Was mir im Nachhinein auffällt: Ganz alleine stand ich mit diesen Problemen nicht da. Es gab auch den einen oder anderen Jungen in meiner Klasse, der den Buchstaben A hundertmal schreiben musste, bis er entzifferbar war. Wenn sich ein Junge weigerte, die Schere in die Hand zu nehmen, durfte er nach draussen spielen gehen. Gestört hat das niemanden. „Das ist halt ein wilder, ein echter Zappelphilipp“, meinte die Kindergärtnerin und das Thema war durch. Nicht so bei mir. Ich war das komische Mädchen.

Meine späteren Lehrerinnen konnten genauso wenig wie meine Freundinnen verstehen, wieso ich mich strikt und trotzig dagegen weigerte, eine Geschichte über Feen zu schreiben. Meine Beine waren zu jeder Jahreszeit übersät mit blauen, violetten und grünen Flecken. Andauernd fiel ich hin, lief in eine Strassenlaterne oder stiess mit übergrossen Steinen zusammen. Britney Spears war mir vollkommen egal, dafür wollte ich mit fünf Jahren wissen, was denn gerade und ungerade Zahlen seien. Ich glaube, manche fanden mich komisch oder arrogant. Dabei verstand ich schon in diesem Alter nicht, wieso ich mir Geschichten von Feen ausdenken sollte, wenn diese nutzlosen Märchenfiguren sowieso nicht existierten. Und ich konnte mir noch so viel Mühe geben: Stillsitzen und Malen waren für mich echte tägliche Herausforderungen. Manchmal wurde ich wütend, weil ich merkte, dass mir all das nicht gleich gut gelang wie den anderen Mädchen. Ich fühlte mich falsch und ungenügend. Mit sechs Jahren äusserte meine Kinderärztin gegenüber meinen Eltern den Verdacht, dass ich an einem ADHS leiden könnte. Es passte allles zusammen: Meine Verträumtheit, die Tatsache, dass ich nie still sein konnte, manchmal aus dem nichts kleine Wutausbrüche bekam und feinmotorisch absolut unterentwickelt war. Nur etwas war komisch: Ich war ein Mädchen. Schliesslich entschloss man sich dazu, keine abschliessende Abklärung durchzuführen. Trotz einiger Schwierigkeiten waren meine schulischen Leistungen gut und ich war durchaus beliebt bei den anderen Kindern. Alles in Ordnung also – irgendwie. Oder?

Mit zwölf Jahren schrieb ich in mein Tagebuch, dass alle anderen Mädchen rund seien, nur ich, ich sei eckig. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch immer mit Ticks wie übermässigem Händeklatschen bei Freude, stundenlangem Gehen im Kreis auf dem blauen Wohnzimmer-Teppich meiner Eltern und nervösen Zuckungen der Bauchmuskulatur zu kämpfen. Meine Familie und Freunde hatten sich daran gewöhnt. Nur manchmal machten sie sich lustig über diese sonderbaren Eigenschaften meinerseits. Die kleine Träumerin, die sich andauernd verletzte und manchmal viel zu viel redete und nie schlief. Ich nahm mir immer wieder vor, diese Ticks hinter mir zu lassen. Nahm mir vor, mich zu beruhigen. Ich scheiterte jedes Mal. Es war, als hätte ich nicht genug Platz in mir für meine Gefühle und Gedanken. Die Ticks halfen mir, sie auszudrücken, sie rauszulassen. Doch ich wollte nicht länger das eckige Mädchen sein. Ich versuchte, mich zu kontrollieren. Ich schämte mich für mich, weil ich wahnsinnig dünn war und immer irgendwelche Beulen hatte. Manchmal konnte ich wochenlang nicht richtig essen und schlafen. Wie so oft fühlte mich falsch und dadurch auch einsam. Häufig aber war ich ein Energiebündel, mit dem kaum jemand mithalten konnte. Ich war ein regelrechtes Strahlemädchen mit einem Kopf voller neuer Ideen, die sofort, in genau diesem Moment, umgesetzt werden mussten.

 Glühwürmchen-Regen in deinem Kopf, Neonlicht-Feuer im Herzen
und Karussell-Schweben in den Beinen.

Ja, ich glaube, so fühlt es sich an.

Die schwierigsten Jahre sollten mir noch bevorstehen. Nach der Pubertät hielt ich das Gefühl der subjektiven Andersartigkeit nicht mehr aus. Ich beschloss abermals, normal zu werden. Ich wollte die Kontrolle über mich erlangen. Immer wieder zerstritt ich mich mit meinen Eltern, weil ich alle wichtigen Entscheidungen aus dem Bauch heraus traf und zunehmend mehr Mahnungen per Post zugeschickt bekam. Ich begann ein Studium, das ich alle paar Tage wieder abbrechen wollte. Meine Eltern hinderten mich zum Glück jedes einzelne Mal daran. Schliesslich zog ich aus. Das tat mir gut. Aber es änderte nichts daran, dass die Uni ein täglicher Kampf für mich war. Ich hatte immer viel zu viel zu tun: Studieren, Nebenjobs, Hobbys und Freunde treffen. Manchmal überforderte mich das und ich wurde traurig. Was mich aber noch mehr überforderte, war Langeweile. Und die Tatsache, dass ich oft aus einer Laune heraus Dinge tat oder sagte, die ich im Nachhinein selber nicht verstand. 

Irgendwie schaffte ich meinen Bachelor-Abschluss und nur wenige Menschen hatten den Kampf mitbekommen, den ich heimlich mit mir selber führte. Einige wenige Menschen hatten immer an mich geglaubt. Sie hatten mich getragen an jenen Tagen, an denen ich besonders überfordert war und meine Andersartigkeit in geballter Ladung zu spüren bekam. Als einer dieser Menschen wegfiel, merkte ich, dass ich etwas unternehmen musste. Auf der Flucht vor dem Chaos in meinem Kopf überforderte ich mich selber und das rund um die Uhr. Auf der Flucht vor der Realität, in der ich mit all den unbezahlten Rechnungen und kleinen Missgeschicken konfronitiert war, zog ich mich selber immer mehr zurück. Kaum jemand wusste, wie ich mich manchmal fühlte. Ich machte den Anschein, alles im Griff zu haben. Niemand sah die Kraft, die es mir abverlangte, alles irgendwie zusammenzuhalten. Niemand wusste, wie es sich anfühlt, immer ein wenig neben der Spur zu stehen. 

Andersartigkeit und nicht konstruierte Individualität

Und heute sitze ich nun hier. Mit der sehr eindeutigen Diagnose. Was ich damit mache, weiss ich selber noch nicht so ganz. Dinge anzupacken, die nicht superdringend sind, fällt mir noch immer wahnsinnig schwer. Und erzählt habe ich es den wenigsten. Doch etwas liegt mir wirklich am Herzen: Lange Zeit wurde ADHS fast ausschliesslich bei Jungs diagnostiziert. Mittlerweile geht man davon aus, dass ebenso viele Mädchen von dem Störungsbild betroffen sind. Bei rund der Hälfte aller ADHS-Betroffenen beliebt die Störung im Erwachsenenalter bestehen. Momentan wird untersucht und vermutet, dass Mädchen und vor allem Frauen eher zu nach innen gerichteten Symptomen wie Verträumtheit, emotionale Instabilität, Unsicherheit und Überforderung neigen. Jungs und Männer hingegen zeigen häufiger nach aussen gerichtete Syptome wie Aggressivität, Impulsivität und Hyperaktivität. Noch immer wird die Diagnose deutlich mehr Jungen als Mädchen ausgestellt. Ein nicht behandeltes ADHS (und damit meine ich keinesfalls nur den Einsatz von Ritalin) kann zu Suchterkrankungen, Angststörungen und Depressionen führen. Meiner Meinung nach ist es deshalb besonders wichtig, ein Auge auf ADHS-Fälle bei Mädchen und die damit verbundene Symptomatik zu halten. Niemand sollte mit dem Gefühl aufwachsen müssen, nirgendwo reinzupassen.

In unserer Gesellschaft steht Individualität an vorderster Stelle – jedoch nur solange sie auf auf eine bestimmte Art noch massentauglich ist. Fällt jemand wirklich und nicht bewusst aus dem Muster, ist er nicht mehr supercool individuell und etwas Spezielles, sondern eben einfach anders. Einem Mädchen mit ADHS fällt es sehr schwer, sein Auftreten genau zu planen und sich bestimmten gesellschaftliche Vorstellungen zu fügen. Seine Andersartigkeit soll nicht cool sein. Die ist einfach so da. Das ist für sein Umfeld sicher nicht immer ganz einfach. Aber trotzdem: Vielleicht sollten wir als Gesellschaft damit aufhören, konstruierte Individualität abzufeinern. Vielleicht sollten wir besser damit beginnen, uns Andersartikgeiten gegenüber wirklich zu öffnen – nicht nur solange sie auf irgendeine Weise gerade lukrativ oder cool sind. Ja, ich denke, das sollten wir tun. Auch für die kleinen Zappelphilippas unter uns, die Feen und Stillsitzen verfluchen (und damit ja vielleicht gar nicht so falsch liegen).

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Internationale Beziehungen: Braucht es neue Theorien, um globale Krisen zu lösen?

Flüchtlingskrise, Umweltkatastrophen, Klimaerwärmung: In der letzten Zeit stellen vermehrt globale Probleme die Regierungen auf der ganzen Welt auf die Probe – und niemand will Schuld daran sein. Brauchen wir in der westlichen Welt des 21. Jahrhunderts vielleicht ein neues Weltbild, damit sich da endlich etwas tut? Unser momentanes Denken ist geprägt von positivistischen Methoden und der Annahme, dass der Staat, respektive das nutzemaximierende Individuum, die kleinsten Analyseeinheiten sind. Die populären westlichen Theorien der Internationalen Beziehungen werden seit 1950 vom Positivismus geprägt. Dieser zeichnet sich durch seine empiristische Epistemologie aus, die die Naturwissenschaften dominiert und später auf die Sozialwissenschaften übertragen wurde. Empirismus definiert ausschliesslich Beobachtbares und Nachweisbares als wahres Wissen und klammert Abstraktes von seinen Untersuchungen aus. Zur Wahrheit kommt man demnach ausschliesslich durch Sinneserfahrungen. Das Ganze umfasst die Grundannahme der Physik, dass die Welt in kleinste unteilbare Einheiten reduziert werden kann, die sich beobachten lassen. Alles Abstrakte fällt weg. Wahrheit muss sich durch die Sinne erfassen lassen, um als solche zu gelten. Doch gerade politische Phänomene wie die internationale Struktur oder der Staat an sich lassen sich schlecht beobachten oder durch die eigenen Sinne erfahren. Ich glaube, genau hier könnte eine Schwierigkeit begraben liegen: Können abstrakte soziale Phänomene, die sich erst durch unsere Sprache gebildet haben, anhand naturwissenschaftlicher Methoden analysiert werden?

Alternative wissenschaftsphilosophische Ansätze sind beispielsweise der Rationalismus oder der Sozialkonstruktivismus. Der zweite Ansatz geht in erster Linie auf die Zeit des Kalten Krieges zurück und vertritt die Ansicht, dass die Welt vielmehr sozial konstruiert ist als rein naturgegeben und materiell. Die Realität ist demnach nicht einfach da, sondern wird erst durch geteilte Ideen erschaffen. Anders als im Positivismus beschreibt eine Theorie die Realität nicht bloss, sondern generiert sie auch. Der Vorrang hierbei gehört den reinen Gedanken und nicht den Sinneserfahrungen. Wissen kann demnach durch reines Denken erzeugt werden. Die Sinneserfahrungen spielen hier keine Rolle. Dass solche Ansätze von kritischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler momentan vermehrt diskutiert werden, wird unter anderem damit zusammenhängen, dass der Positivismus uns zwar unzählige wissenschaftliche Erkenntnisse gebracht hat, die Weltprobleme wie Krieg, Hungersnot und Krankheiten, aber noch nie lösen konnte. Die Frage stellt sich also: Könnte ein neues Weltbild hier weiterhelfen?

„The world is relationships“

In unserer Gesellschaft gilt: Alle Macht dem Individualismus. Das rational handelnde Individuum ist das kleinste Teilchen und damit der Ausgangspunkt vieler Theorien in der Politikwissenschaft. Auch wenn es für manche von uns unvorstellbar scheint, andere Gesellschaften sind bereits geprägt von anderen Grundannahmen. Das Individuum ist dabei viel weniger wichtig. So existiert im asiatischen Raum bereits ein alternatives Denken. Verschiedene soziale Experimente können nachweisen, dass in Asien ein interdependentes Denkschema dominiert. Die Wahrnehmung des Selbst entsteht demgemäss nur in Verbindung mit Anderen und mit der Umwelt. Folglich erscheint es als logisch, dass die neuen Theorien zu den Internationalen Beziehungen aus China nicht das Individuum, sondern die ganze Familie als kleinste Einheit definieren. Diese Theorien sind sich noch am entwickeln und im Westen kaum bekannt. So heben Theorien wie etwa jene von Qin Yaqing und Zhao Tingyang den Relationalismus hervor. Es geht nicht um Individuen, nein, es geht um Beziehungen. Tingyang plädiert für einen holistischen Ansatz der internationalen Beziehungen, wobei die Welt als Ganzes, anstelle der einzelnen Nationalstaaten oder die Individuuen, die zentrale Analyseeinheit darstellt. Dabei soll die Weltbevölkerung wie eine erweiterte Familie betrachtet werden und ebenso handeln. Es existiert keine klare Trennung zwischen Subjekt und Objekt. Mit der Aussage: „The world is relationships“ impliziert Tingyang, dass die Realität geprägt ist von den dauernd wechselnden Beziehungen zwischen den Akteuren und sich mit diesen folglich immer verändert.

In der Wissenschaft lässt sich ein Trend zu interdisziplinären Disziplinen feststellen. Dabei wird Wissen aus verschiedenen Wissenschaften in eine Beziehung zueinander geführt und verknüpft. Das könnte ein erster Ansatz eines holistischeren Denkens sein, der hier im Westen Einzug nimmt. Ein solches Denken stellt eine interessante Alternative zum Individualismus dar. Um sich immer mehr in diese Richtung zu bewegen, müsste sich jedoch jede wissenschaftliche Disziplin selber erst einmal hinterfragen und anschliessend damit beginnen, sich vermehrt mit anderen Erkenntnissen zu verbinden. Die Vorstellung, dass die existierenden Denkschemata in der westlichen Wissenschaft ohne Anreize von aussen, etwa durch ein Katastrophenereignis, über Bord geworfen werden, ist doch sehr unwahrscheinlich. Sinnvoll wäre dies jedoch – denkt man etwa an globale Krisen wie den Klimawandeln oder die jüngste Flüchtlingskrise, wo keiner zuständig sein will. Das Bewusstsein einer möglichen universellen Verbundenheit würde das Verhalten einzelner Staaten in entsprechenden Problemlagen sicherlich stark verändern. 

Was ich noch sagen wollte: Danke!

Und plötzlich warst du da. Wie aus dem Nichts mitten in meinem Leben. Ohne Fragen, aber mit tausend Antworten. Du warst mein bester Freund, als ich dringend einen brauchte. Du warst mein einziges Zuhause. Du warst die Hand, die mich nicht losliess. Du warst anders, hast nie nach dem Warum gefragt. Und immer, wenn ich davonrannte, bist du mitgekommen. Du bist jeden Morgen neben mir aufgewacht, als mir die Kraft zum Aufstehen fehlte. Du bist geblieben. Aus dem Nichts, mitten in meinem Leben, immer da für mich. Ohne dich hätte es viel zu oft nicht geklappt. Du hast mir den Mut geschenkt, wieder Berge zu besteigen. Deine Kompromisslosigkeit war mein Leben, deine Blumen mein Anfang. Du warst perfekt unperfekt. Du warst mein stilles Rettungsboot mitten in der Nacht. Ja, – auch wenn es noch so klischeehaft und rosarot klingen mag – ohne dich wäre jetzt alles nichts. Ich konnte es dir nie sagen und du wirst das hier nie lesen, aber weisst du: Du bist der beste Mensch, dem ich je begegnet bin. Du bist Grosszügigkeit und Geduld. Du bist Verlässlichkeit und Vernunft. Du bist Spass und Stärke. Du bist all das, wofür ich je dankbar sein werde. Von dir geliebt zu werden, ist ein Geschenk, das ich nie wirklich annehmen konnte. Danke, dass du da warst. Danke, dass du mich an Land gezogen hast. Und vor allem danke dafür, dass du mir die Berge zurückerobert hast. Ich muss sie nun alleine besiegen. Ich glaube, das gehört sich so. Und jedes Mal, wenn ich auf einem Gipfel stehe, denke ich an dich. Du warst der Anfang und das hält für immer an.

 

100 Gründe dagegen

Als „Generation beziehungsunfähig“ werden die unter 35-Jährigen heutzutage nur allzu oft abgestempelt. Verschiedene AutorInnen, PsychologInnen und SoziologInnen sind sich sicher, das liege an Tinder und Co. Das Online-Dating erwecke den Eindruck einer schier unendlichen Wahlmöglichkeit. Die Vorwürfe: Nähe kann man sich wahnsinnig spontan erswipen und sie dann genauso spontan wieder entmatchen. Liebe für eine Nacht per Mausklick. In der Mittagspause beiläufig den eigenen Marktwert in der neusten App testen. Per Handykommunikation lernt man sich sehr schnell kennen und kann sich sehr schnell wieder entkommen. Mit etwas Geduld swipet man sich durch bis zum absolut perfekten Idealpartner – denn ja: So etwas gibt es, oder? Unverbindlichkeit, Spontanität, Oberflächlickeit, Perfektionsstreben. Ja, die „Generation beziehungsunfähig“ scheint es wirklich nicht mehr hinzukriegen mit dem vertrauensbasierten und beständigen Zusammensein zweier Menschen, die sich mögen oder vielleicht sogar lieben. Doch stimmt das wirklich?

Ich glaube nicht, dass wir beziehungs- und bindungsunfähiger sind als unsere Vorfahren. Wir haben mit Tinder und Co. nur mehr Möglichkeiten, diese Bindungsangst auszuleben. Wir brauchen keinen Partner, um nicht alleine einschlafen zu müssen. Wir können uns Nähe für eine Nacht besorgen und am nächsten Morgen ohne ein Wort zu sagen davor flüchten. Die Sexualität wird immer freier. Auch hier brauchen wir keine Partnerschaft, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen: Mit dem besten Freund schlafen? Wieso nicht – er kennt schliesslich meinen Freiheitsdrang und ich mag ihn als Person. Eine zu guter Letzt erfreuliche Tatsache, die uns ermöglicht, unsere Bindungsphobie auszuleben, ist die zunehmende Emanizpation der Frau. Heute kann man eine gesellschaftlich geachtete und erfolgreiche Frau sein, ohne wirtschaftlich von einem Mann abhängig zu sein. Immer mehr Frauen stehen in der Öffentlichkeit dazu, keinen Kinderwunsch zu hegen. Mit Viola Amherd hat die Schweiz sogar eine Bundesrätin, die öffentlich bekundigt: „Ich will und brauche keine Partnerschaft. Ich habe mich fürs Alleinleben entschieden“. Auch wenn der Bindungswunsch evolutionär bedingt in jedem von uns vorhanden ist und sich wohl alle zwischendurch nach Nähe sehnen, ist es doch besser, die Möglichkeit zu haben, seiner Angst auszuweichen, als aus ökonomischen und gesellschafltichen Gründen in einer Partnerschaft zu stecken, vor der man sich tief drin fürchtet.

Alles muss immer eine Komödie sein

Dennoch: Eigentlich bin ich der Überzeugung, dass es am Besten wäre, sich diesen Bindungsängsten zu stellen. Vor allem dann, wenn doch irgendwann ein Kinderwunsch auftaucht und man sich in eine Beziehung begeben möchte. Jeder, der unter Bindungsangst leidet, hat eine schlechte Erfahrung gemacht. Wurde entweder verletzt, immer wieder verlassen oder überbehütet und kontrolliert. Sich dieser Prägung zu stellen, ist nie schön. Aber es könnte sich lohnen. Tinder ermöglicht uns, unseren Ängsten auszuweichen. Tinder gibt uns das Gefühl, es sei alles in bester Ordnung und das ist es irgendwie auch – solange man denn ausweichen und davonlaufen will und sich bewusst für diese Strategie entscheidet.

Ich erinnere mich häufig an einen ehemaligen Professor, dessen Seminar ich besuchte. Leidenschaftlich sprach er über gesellschaftliche Entwicklungen und den Bedeutungsverlust der Philosophie: „Wir streben eine Welt an ohne Tragik. Es soll nur noch Komödien geben, weil die sich leichter lesen. Alles muss immer positiv und einfach sein. Ja, wir haben es hier mit einem Verlust des Tragischen zu tun. Und wissen Sie, ich glaube, das ist gefährlich. Irgendwann werden wir verlernen, mit Schwere umgehen zu können. Kunst, Lyrik, Musik – das alles lebt doch auch von Tragik. Sie gehört zum Leben, sie gehört zu dieser Welt und doch wollen wir ihr entkommen.“ Liegt nicht hier das eigentliche Problem begraben? Schwierig ist nicht, dass wir Möglichkeiten haben, unseren Bindungsängsten auszuweichen, sondern, dass wir das Gefühl haben, uns ihnen nicht stellen zu müssen. Weil das so gar nicht positiv ist, zumindest im ersten Moment. Weil es bedingt, dass wir uns mit dem weniger lustigen Teil unserer Geschichte auseinandersetzen und weil es unsere eigene Komödie für eine kurze Zeit in eine Tragödie verwandelt.

Schliesslich müssen wir uns fragen, ob das folgende Szenario denn wirklich so viel positiver und leichter ist, als sich den Ängsten zu stellen:
Du liegst in seinen Armen und fühlst dich geborgen – endlich. Die Gefahr ist vorüber, da ist niemand, der dich im Stich lässt. Niemand, der dich verletzt. Und doch: Plötzlich überkommt dich eine immense Angst. Am liebsten würdest du diesen Arm, den du so sehr magst, zur Seite schieben. Die Geborgenheit tut auf einmal weh. Irgendwann hälst du sie nicht mehr aus. Du spürst dich nicht mehr, fühlst dich bedroht. «Weisst du, das ist keine gute Idee, also das mit uns. Ich kann das nicht. Ich glaube, wir müssen das sein lassen. Ja, am besten gleich jetzt. Es gibt so vieles, das gerade nicht passt und dagegenspricht», hörst du dich sagen. Es gibt immer etwas, das nicht passt. Du hast noch immer einen Grund dafür gefunden, zu gehen. Meistens waren es 100 Gründen. Immer genug, um alles zu beenden. Manchmal bist du wortwörtlich davongerannt. Einmal sogar mitten in der Nacht. Zu viel Nähe, zu viel von diesem «Ich-möchte-dich-nie-wieder-loslassen-Gefühl» und jedes Mal bist du früher oder später gegangen. 

Romantische Liebe: Warum sie nicht immer da war und wieso sie vielleicht verschwindet?

Ob man sich nun das neuste Album eines weltberühmten Sängers anhört oder es sich abends mit Netflix gemütlich macht: Kaum etwas wird in der Musik- und Filmwelt so oft thematisiert wie die romantische Liebe. Im echten Leben hingegen hat sich die Anzahl der Eheschliessungen pro 1000 Einwohner in der Schweiz von 7,7 im Jahre 1900 auf 5 im Jahre 2016 reduziert.  Unzählige gut genutzte Onlinepartnerbörsen versprechen das ganz grosse Beziehungsglück und ziehen aus diesem Versprechen auch gleich einen hohen kommerziellen Nutzen. Wie steht es um die romantische Liebe? Wir scheinen uns irgendwie nach ihr zu sehnen, sind bereit viel Zeit in die Suche nach dem grossen Glück zu investieren und doch: Im Alltag scheitern wir nicht selten dabei, diese Liebe zu finden oder leben.

So entstand die romantische Liebe

Wie ist die romantische Liebe eingentlich entstanden? Der Soziologe Holger Herma weist darauf hin, dass oft vergessen gehe, dass die romantische Liebe ein historisch entstandenes Kulturmuster sei, das sich erst in den letzten Jahrhunderten entwickelt habe. So wurde die Liebe innerhalb einer Ehe bis ins 18. Jahrhundert als kameradschaftliches Gefühl aufgefasst, von Romantik keine Spur. Das romantische Liebesideal, wie es heute in unsere Gesellschaft dominiert, erschien im 18. Jahrhundert nach und nach zuerst in der englischsprachigen und bald darauf in der deutschen Literatur. Vor allem im Roman «Lucinde» des Romantikers Friedrich Schlegel erkennt man die Grundzüge und Merkmale der romantischen Liebe. Die Literatur also, brachte uns unser neues Liebesideal, das sich ab dem 19. Jahrhundert langsam in unserer Kultur zu etablieren begann.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde die romantische Liebe von der allgemeinen Säkularisierung der Gesellschaft beeinflusst. Christlich geprägte Werte wie Selbstlosigkeit und vollkommene Hingabe waren im Liebesdiskurs nicht länger von Bedeutung. Gleichzeitig löste die Romantik die Religion als wichtiger Mittelpunkt des alltäglichen Lebens ab und begann als Wert an sich zu gelten. Private Liebesbeziehungen und Eheschliessungen wurden direkt mit grossem Glück verbunden. Diese Vorstellung von Glück hat die Massenkultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgegriffen, einhergehend mit ihrer Vermarktung. In ihrem Buch „Der Konsum der Romantik“ analysiert die israelische Soziologin Eva Illouz das Zusammenspiel vom Ideal der romantischen Liebe und dem Kapitalismus. Unter Historikern sei man sich einig, dass die romantische Liebe dem Kapitalismus vorausgegangen, aber um 1900 von den Praktiken und der Bedeutung des Konsums durchdrungen worden sei, so Illouz. Der Soziologe Niklas Luhmann schliesslich sieht den Einzug der sexuellen Leidenschaft in den Liebesdiskurs als bedeutender Punkt für unser heutiges Liebesverständnis: Die Befriedigung sexueller Lust wurde im Laufe de Zeit an die affektiven Gefühle gebunden.

Liebe gibt uns Anerkennung und Selbstwert

Heute wird Liebe in unsere Gesellschaft – im Gegensatz zum 18. Jahrhundert – als einziger Weg in eine wahre Ehe aufgefasst, genauso wie eine aus dieser Ehe resultierende Elternschaft neu als Vollendung der Liebesbeziehung angesehen wird. Eine Ausnahme bilden hier religiöse Gemeinschaften, in denen es immer noch zu arrangierten Ehen kommt. Dabei wurden Dauerhaftigkeit und Treue zur Voraussetzung für die Liebe. Als letztes Merkmal der romantischen Liebe schliessslich wird in der Soziologie die hohe Individualität der Liebenden herausgearbeitet, also, die Einzigartigkeit eines geliebten Individuums. Die Liebe werde erst durch die vollständige Ausrichtung auf die Einzigartigkeit des Anderen zur echten romantischen Liebe, schreiben etwa Niklas Luhmann oder Georg Simmel. Die Tatsache, dass eben gerade diese Einzigartigkeit des Individuums geschätzt werde, mache die Liebe zur zentralen Kraft der Anerkennung und Bestätigung von deren Zielperson. Das heisst: Liebe gibt uns Anerkennung und die Möglichkeit, uns als Individuum vollkommen angenommen zu fühlen. Liebe macht uns zu einer Person, die wichtig ist.

Auf diesen letzten Punkt geht Eva Illouz in ihren Büchern vertiefter ein. Die zunehmende Entwertung der vormodernen gesellschaftlichen Normen habe von einer Liebesvorgabe zu einer Liebeswahl geführt. Die Liebe diene heute längst nicht mehr materiellen Interessen, sondern emotionaler Befriedigung. In der vormodernen Gesellschaft waren der soziale Status und damit die Verortung jedes einzelnen in der Gesellschaft klar. Mit Beginn der Moderne, Ende des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts, begann laut Illouz hingegen eine grosse Ungewissheit über die eigene Geltung. Der Selbstwert musste anderswo bestätigt werden können, da der gegebenen soziale Status stark an Bedeutung verlor. Von nun an war und ist die Liebe dafür zuständig, den Individuen die Anerkennung zu geben, die sie zur Definition ihres Selbstwertes benötigten.

Wahlfreiheiten lassen uns nach dem Allerallerbesten streben 

Gleichzeitig aber brachte die Moderne die Individualisierung der Gesellschaft mit sich. Das bedeutete einerseits, dass sich aufgrund des zunehmenden Verschwindens von Glaubensgemeinschaften, Ständen und Zünften für den Einzelnen viele neue gesellschaftliche und soziale Freiräume ergaben. Andererseits brachte diese
Freiheit grosse Verantwortung mit sich: Durch die neuen Wahlfreiheiten innerhalb der  modernen Gesellschaft musste der Einzelne sein Leben alleine bestimmen. Falls dies nicht gelang, musste der Schaden von nun an selber getragen werden. Das führte dazu, dass die Individuen vorausplanen, abwägen, vergleichen und auf Chancen zum eigenen Vorteil warten. Dasselbe Verhalten lässt sich seit einigen Jahrzehnten auch in Bezug auf die Liebeswahl beachten: Die heute 30-Jährigen haben signifikant mehr Beziehungen geführt als die heute 60-Jährigen bis zu ihrem 30. Lebensjahr. Das zeigen verschiedene Statistiken. Zudem versprechen zahlreiche Online-Partnerbörsen Suchenden, eine idealpassende Partnerin oder einen idealpassenden Partner zu finden. Diese beiden Tatsachen sprechen für eine grössere Unsicherheit bezüglich der Partnerwahl sowie für eine andauernde Suche nach «Besserem».

Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass Illouz von einer Entzauberung der romantischen Liebe in der Gegenwart spricht. Das Ideal der romantischen Liebe vertrage sich grundsätzlich nicht mit unserem starken Bedürfnis nach Autonomie. In einem Interview mit Zeit Campus verdeutlicht die Soziologin, dass die romantische Liebe zwar in unseren Fantasien bestehen blieb, von den meisten Menschen heutzutage aber nicht mehr ausgelebt werden will. So habe sich sogar der Diskurs in Unterhaltungsmedien gewandelt und Liebe werde oftmals ironischer und Liebesbeziehungen als vor allem problematisch dargestellt. Ob dem tatsächlich so ist, müsste wohl weitergehend analysiert werden. Aber Hand aufs Herz: Zumindest auf Tinder und Co. begeben wir uns nicht auf die Suche nach der grossen romantischen Liebe, da geht es doch eher um einen kleinen Ego-Push. Und auch die typischen Abmachungen wie „Sobald Gefühle ins Spiel kommen, muss es aufhören. Ich will lieber Freiheit als Liebe“ sind uns 20ern und 30ern allen wohl nur zu gut bekannt.

Häusliche Gewalt: Ausschnitte einer Geschichte, weil Schweigen auch nicht weiterhilft

Von Klara*, die sich den Wunsch nach Liebe aus dem Leib kotzte, und all seine Demütigungen so irgendwie ertrug. Ihre Geschichte hat sie nach und nach zu erzählen begonnen.

Er zog sie an sich, packte sie vielleicht ein bisschen zu fest an den Handgelenken und küsste sie entschlossen. Ihr war übel. Sie liess sich küssen und sah ihre Geschichte im Schnelldurchlauf vor ihren geschlossenen Augen. Schöner hätte es nicht beginnen können, die grosse Liebe. Vom ersten Tag an fühlten sie sich einander sehr vertraut und das Kribbeln wollte kein Ende nehmen, wenn sich ihre Blicke trafen. Klara dachte gerne an diese frühen Momente zurück, sie sah sie klar vor sich. Die Nacht, die nie hätte enden sollen, voller kühlem Bier und Gespräche über die ganz grossen Träume. Nie war ihr jemand so nah gekommen. Sie hatte wirklich geglaubt, dass Peter* sie glücklich machen würde bis ans Ende ihrer Tage. Er sah gut aus und war um einiges grösser als Klara, was sie anfangs sehr gemocht hatte. Wenn er neben ihr herging und seine grosse Hand ihre umfasste, fühlte sie sich geborgen. Mittlerweile waren diese Hände zur grössten Bedrohung geworden. Peter war gleichzeitig auch ein unscheinbarer Typ, der sich manchmal gar scheu gab. Wenn er wollte, konnte er wahnsinnig laut sein – und witzig. In solchen Momenten glaubte Klara hinter den leuchtend grünen Augen den kleinen Jungen zu erkennen, der sich nach ungebrochener Aufmerksamkeit und Wärme sehnte. Peter selbst sprach nie darüber, wie er sich gerade fühlte. Ursprünglich hatte Klara dies als typisch männliche Eigenschaft hingenommen, mit der Zeit war ihr aber klargeworden, dass vielleicht doch mehr dahintersteckte. Gefühle waren im Allgemeinen nicht so sein Ding. Zwar hatte er Klara immer durch seine Briefe und Blicke zeigen können, was sie ihm wirklich bedeutete, aber andere Gefühle schien er einfach nicht einordnen zu können. Bis die Ausfälle kamen: Mit Wut lässt sich alles sagen. Klara schüttelte den Kopf, während er sie noch immer küsste. Daran wollte sie nun wirklich nicht denken. Sie konzentrierte sich: Das wohlige Gefühl, wenn er ihr durch das offene Haar strich und sie mit einem sanften Lächeln anschaute, konnten all die schrecklichen Momente vergessen machen. Das stille Versprechen, wenn er ihr mit seinen warmen Lippen einen Kuss auf die Stirn gab, plötzlich vollkommen zärtlich, machte all das, was sie nie hätte erleben wollen, wieder gut. Ein Kuss auf die Stirn bedeutet doch Liebe, oder? Peter liebte sie. Seine Liebe war der Sturm, der sie abermals hoch hinauf in die Lüfte wirbelte. Seine Liebe war die sanfte Brise, die ihre Tränen trocknen liess. Und seine Liebe war der Orkan, der alles zerstörte. Klara schluckte leer. Ja, seine Liebe war alles, was sie jemals gebraucht hatte. Und alles, was ihr Leben für immer veränderte.

Peter schlug seinen Kopf gegen die Wand. Immer und immer wieder. Er schlug härter. Immer und immer wieder. Er begann zu bluten. „Alles deine Schuld!“

Leise liess sich Klara auf ihrem Bett nieder und knipste die Nachttischlampe an. Die gebrauchten Taschentücher waren ein Überbleibsel der letzten Nacht. Peter hatte sie wieder einmal aus ihrer eigenen Wohnung getrieben. Klara erinnerte sich an die quälenden Worte und an den schmerzhaften Griff um ihre Taille. Noch jetzt, eine Nacht später, spürte sie das Brennen seiner entfesselten Hände auf ihrer Haut. Wenige Zentimeter neben den Taschentüchern lag ihr Mobiltelefon, das oben rechts aufgeregt in wilder Farbe blinkte. Wo er jetzt wohl war? Ob er auch in seinem Bett lag, sich hin und her wälzte und doch irgendwie alles bereute. Oder zog er um die Häuser, verlor sich in einer beliebigen Bar mit seinen Jungs und wurde bei jeder Stange Bier ein bisschen gelassener. Ob ihre Schreie noch immer heimlich in seinen Ohren hallten? Urplötzlich hielt sie inne, die glasklaren Bilder des vorletzten Abends durchdrangen unangekündigt ihren Kopf: Da war Peter. Er packte sie, drückte sie an die Wand und stiess dabei seine Fingernägel in ihre Oberarme. Klara zuckte zusammen und begann zu schreien, aber nur so laut, dass sie ausschliessen konnte, dass die Nachbaren sie hören konnten. Er lockerte den Griff und liess Klara langsam zu Boden sacken. Dann sah er sie an. Die Augen zusammengekniffen und den Mund geöffnet, sodass man seine Zähne sehen konnte. Er wollte etwas sagen, aber stiess nur wutentbrannte Laute aus. Klara’s Schreie wurden zu einem flehenden Weinen. Peter kickte mit dem Fuss gegen ihr rechtes Schienbein und Klara griff nach ihren Kopfhörern. Seine Worte mit viel zu lauter, viel zu harter Musik zu übertönen, war alles, was sie in diesem Moment wollte. Er stiess erneut mit dem Fuss gegen sie und begann zu sprechen. Klara kniff sich die Ohren zusammen und versuchte verzweifelt, die Stöpsel in ihre Ohren zu drücken. Peter beleidigte sie. Er riss ihre Kopfhörer entzwei. Klara vergass die Worte, ehe sie sie richtig verstanden hatte. Sie blickte zu ihm hoch „…alles deine Schuld! Du machst mich kaputt, du machst mich klein, du Schlampe!“ Und dann machte er einen grossen Schritt auf die Wand zu. Peter schlug seinen Kopf gegen die Wand. Immer und immer wieder. Er schlug härter. Immer und immer wieder. Er begann zu bluten. Immer und immer wieder. Wie von Sinnen rappelte sich Klara auf und versuchte, ihn von der Wand wegzuziehen. Sie erschrak, als sie sah, dass dieses Mal mehr Blut auf seiner Stirn war als sonst. „Schau, was du mir antust, du blödes Biest“, rief er. Seine Stimme klang messerscharf. „Das alles ist deine Schuld, du willst mich vernichten!“ Klara zerrte nun mit aller Kraft an seinem linken Arm, sie wollte ihn von der Wand wegbekommen und ermahnte ihn weinend, nicht so laut zu sein. Klara wollte nicht, dass die Nachbaren sie am nächsten Tag komisch anschauen würden. Klara wollte nicht, dass jemand mitbekam, was zwischen ihnen vorfiel. Klara wollte nicht wahrhaben, was da vorfiel. Peter schrieb schöne Briefe für sie. Peter verletzte sich für sie. Peter liebte sie. Tränen strömten ihr die Wangen herunter, sie nahm den salzigen Geruch wahr, der ihr nur zu gut bekannt war. Peter hasste sie so sehr und er liebte sie noch mehr.

Und immer wieder redete sie sich ein: „Ab heute wird alles besser werden. Ab heute muss ich einfach ein bisschen stärker sein.“ Aufgeben war nie eine Option.

Klara fühlte sich schuldig. Sie hätte ihm gerne geholfen. Es kam nicht selten vor, dass er nach einem Wutanfall weinend in ihren Armen lag. Kraftlos, laut schluchzend und warm. Sie konnte nicht anders als ihm irgendwann über die Stirn zu streichen und zu hoffen, dass er nun alles eingesehen hatte. Sie wünschte sich so sehr, dass alles gut werden würde. Sie zitterte, während er weinte und ihr Kopf stechend schmerzte. Da war diese Beule, die niemand sehen konnte. Nur einige Male hatte ihr Vater sie nach den blauen Flecken auf dem linken Oberarm gefragt. Sie sei gegen die Türklinke gestossen oder habe sich beim Sport im Fitnessraum verletzt. Ihr Vater hatte ihr geglaubt. Wieso hätte er dies nicht tun sollen? Klara war noch so jung und die beiden schienen immer frisch verliebt. Niemand hatte Verdacht geschöpft, lange Zeit war Klara selbst nicht einmal bewusst gewesen, was da vor sich ging. Und selbst jetzt, als ihr klar wurde, dass all dies nie so passieren dürfte, konnte sie es nicht wirklich glauben. Häusliche Gewalt. Missbrauch. Solche Begriffe las man höchstens in Fachzeitschriften oder stiess in den Nachrichten auf irgendwelche Statistiken zum Thema. Aber hier? In ihrem Schlafzimmer oder in seiner Wohnung? Ihr, Klara? Nein, ihr konnte so etwas unmöglich passieren. Frauen, denen so etwas widerfahren war, taten einem wirklich leid. Klara tat sich selber nicht leid, im Gegenteil. Klara fühlte sich schuldig. Vielleicht war sie nicht gut genug? Vielleicht hätte sie ihn mehr unterstützen müssen in all den Dingen, die er gerne tat? Langsam zog sie ihre Beine an sich, sodass das Sitzen fast ein wenig unangenehm wurde. Sie atmete tief ein. Ab heute würde alles besser werden. Ab heute würden sie wieder glücklich sein. Sie würde eine bessere Freundin sein von nun an und bald würden sie über die schlimmen Szenen lachen können, gemeinsam und ganz laut. Sie musste einfach mal ein bisschen stark sein.

Ja, dieser Wunsch nach bedingungsloser, stiller und friedlicher Liebe war es, den Klara am liebsten aus sich rauskotzte.

Klara erbrach sich. Danach ging sie einkaufen. Alles in solchen Mengen, dass es nicht auffällig war, aber dennoch genug, um einen halben Tag damit zu verbringen. Verzweifelt suchte sie fast fünf ganze Minuten nach den kleinen Milchbrötchen mit Schokoladenstücken. Die hatte sie als Kind immer essen wollen, aber es war ihr nie erlaubt worden. Jetzt konnte sie eine ganze Packung davon in drei Minuten verschlingen. Jetzt konnte sie all ihre Wut und ihre Angst in diese Milchbrötchen stecken und sie heimlich wieder auskotzen. Manchmal fühlte es sich dabei so an, als würde sie ihre ganze Wut aus sich herauswürgen. All die Beleidigungen und all die Schläge von Peter. Die Menschen, die sie angeblich so mochten, aber nie da gewesen waren – vielleicht auch, weil Klara ihnen niemals erzählt hätte, was vor sich ging. Einer guten Frau wäre so etwas nie passiert.  Eine gute Frau hätte Peter doch lieben können ohne diese ganze Gewalt und die Beleidigungen, oder? Klara fror, während sie Schokoladereste aus ihrer Tasche in schnellen Bissen ass. Sie sehnte sich nach Wärme und nach Liebe. Ja, dieser Wunsch nach bedingungsloser stiller und friedlicher Liebe war es, den Klara am liebsten aus sich rauskotzte. Immer und immer wieder, ohne, dass er dabei kleiner wurde. Sie wusste durchaus, dass diese Fresserei und Kotzerei ihr nicht weiterhelfen konnten. All das würde Peter nicht vergessen machen. Klara schämte sich, aber sie brauchte es auch. Es war ihr Anker an besonders schwierigen Tagen. Hielt sie sich an diesen beiden ungesunden Tätigkeiten fest, war sie abgelenkt vom Leben und davon, sich Liebe zu wünschen. Ein wenig geknickt und beschämt bezahlte sie ihren Einkauf und begann schon auf dem kurzen Nachhauseweg damit, sich die weichen Milchbrötchen in den Mund zu schieben. Fressen war immer noch besser als Reden. Schokolade fragte nicht nach ihrer Geschichte und ihren Verletzungen. Schokolade rannte nicht davon, sobald sie ehrlich zu erzählen begann. Schokolade konnte ihr nicht wehtun und sie nicht verlassen. Die Schokolade und das Kotzen gehörten ihr alleine, niemand wusste davon, denn Klara war ein Strahlenmädchen. Klara war witzig und manchmal frech. Sie redete gerne und viel und sie lachte zu laut. Aber Klara war niemals schwach. Sie verschlang das Milchböchten ohne gross zu kauen und stellte erleichtert fest, wie sie mit jedem Bissen weniger klare Gedanken fassen konnte. Sie hörte auf zu denken, zu fühlen. Die Angst war weggeblasen und die Gefahr vorbei.

Klara schrieb in ihr Tagebuch, das sie mir zeigte: Und nun sitze ich hier. Alles, was ich weiss, ist, dass es keine Prinzen gibt. An manchen Tagen, da renne ich lieber weg – ganz schnell – als mich der Tatsache zu stellen, dass das hier kein Märchen ist. Ich bin keine Prinzessin, aber auch kein gewöhnliches Mädchen. Auf meinem Rücken liegt eine Geschichte, die ich immer mit mir trage, wohin ich auch renne. Die Geschichte ist ein bisschen schlimm und ein bisschen heimlich. Die Geschichte ist schwarz und tränenschwer. An regnerischen Wintertagen fühle ich mich allein mit ihr. Im Sommer überfällt sie mich in der Nacht. Vergeblich wünsch ich mir, dass das hier doch noch zum Märchen wird, sobald der Tag kommt. Vergeblich renne ich weg – es ist mühsam und doch tue ich es immer wieder. Die Hoffnung aufgeben, werde ich trotzdem nie. 

*Ich nenne sie hier einfach mal Klara und Peter – die echten Namen möchte sie nicht preisgeben.

Meine Herzensthemen

Ich habe lange Zeit überlegt, ob ich einen solchen Blog wirklich starten soll. Ich selber stöbere gerne auf verschiedensten Seiten und lese alle möglichen Beiträge, aber meinen eigenen Blog schreiben? Nein, das kam für mich lange nicht in Frage. Immer wieder fragte ich mich: Was hast du den Lesern da draussen mitzuteilen, was nicht schon anderswo geschrieben steht, oder die lieben Leute nicht langweilt? Immer wieder haben mich solche Gedanken davon abgehalten, mit dem Schreiben zu beginnen. Natürlich habe ich in meinem 24 Lebensjahren viele Hochs und Tiefs erlebt, war glücklich und traurig, habe vieles gelernt und vieles wieder vergessen, aber das hat doch jeder von uns. Eines Abends ist mir klar geworden, wieso ich selber so gerne Blogs mitlese. Es geht gar nicht darum, Neues und Einzigartiges zu erfahren. Es geht nicht darum, sich über herausragende Talente oder Taten anderer zu informieren. Nein, ich lese Blogs, um mich in meinen alltäglichen Sorgen ein bisschen besser verstanden zu fühlen. Ich lese Blogs, um mitzukriegen, wie dieselben Dinge durch andere Augen unterschiedlich wahrgenommen werden. Und ich leses sie, um mir Mut zu machen.

Themen, die mir besonders am Herzen liegen sind etwa das Leben als Frau im 21. Jahrhundert und der Kampf um Gleichberechtigung. Welchen Feminismus brauchen wir, um ungesunden weiblichen Schönheitsidealen ein für alle Male abzuschwören? Wie können wir Gewalt gegen Frauen als strukturelles Problem angehen, ohne die Männer dabei auszuschliessen und in eine Ecke zu drängen? Wann werden wir Frauen uns auf dem Nachhauseweg im Stockdunkeln endlich geborgen fühlen können und unseren Körper so zeigen, wie wir möchten, ohne dafür beleidigt zu werden – behaart, dick, dünn, vernarbt, asymmetrisch?

„Frauen, die nichts fordern werden beim Wort genommen – sie bekommen nichts.“
Simone de Beauvoir

Ein weiteres Thema, das mich regelmässig beschäftigt ist die Schweizer Politik, in erster Linie Klimapolitik und Migrationsthemen. Das rührt einerseits daher, dass ich Politikwissenschaft studiert habe, andererseits ist es meiner Meinung nach einfach unheimlich wichtig, dass wir die Chance wahrnehmen, unsere Zukunft mitzugestalten. Wahlen und Abstimmungen sind vielleicht für einige nicht gerade der attratkivste Weg, dies zu tun, aber dennoch ein wichtiger. Längst nicht alle Menschen haben das Privileg aktiv mitzureden, Unterdrückung und Korruption sind häufig viel näher, als wir denken. Heutzutage gibt es in unserer Gesellschaft eine breite Palette an Möglichkeiten, sich politisch einzubringen und die eigene Meinung zu äussern. Ich glaube, es ist wichtig, diese Zukunft nicht zu fürchten oder einfach so hinzunehmen.

“Don’t ever make decisions based on fear. Make decisions based on hope and possibility. Make decisions based on what should happen, not what shouldn’t.”
Michelle Obama

Eine letzte Sache mit der ich mich – teils aus persönlichen Gründen, teils wegen Uni-Kursen – öfters auseinandersetze, ist das menschliche Zusammensein, vor allem in Form von Beziehungsmodellen. Inwieweit ist der Mensch wirklich für die monogame Ehe geschaffen? Wie lässt sich unser Wunsch nach vollständiger Autonomie mit dem Wunsch nach Liebe vereinbaren? Wieso verweilen wir viel zu oft in schädlichen Beziehungen? Weshalb hängt unser im Grunde sehr liebesbedürftiges Wesen heimlich noch immer am Ideal der romantischen Beziehung, während wir gegen Aussen keine Möglichkeit auslassen, einander zu versichern: „Nein, ich werde ganz bestimmt keine Gefühle entwickeln. Emotionen lassen wir draussen und zu viel Nähe geht sowieso gar nicht.“ Früher war die Liebe in erster Linie eine Freiheit, arrangierte Ehen waren an der Tagesordung. Heute ist Liebe auch eine Bedrohung. Sie erfordert, dass wir die Kontrolle über uns selber ein wenig gehen lassen, dass wir ein bisschen unserer Autonomie in die Hände eines anderen legen. Und sie macht uns verletztlich – in einer Welt, in der psychische Stärke, Gelassenheit und eine kompromisslose Positivität als absolutes Ideal gelten.

“I think there’s two things in human beings… that they want to be alone, but they also want to be together.”
Marylin Monroe