Mauern des Schweigens

Manchmal sah ich dich vor meinen Augen zerbrechen. Ich war zu klein, zu schwach, um dich wieder zusammenzusetzen. Und meine Hilfe hättest du ohnehin nicht gewollt. Es hat dann ein bisschen gedauert. Es hat geschmerzt. Aber irgendwann warst du immer wieder ganz. Ganz die Alte. Die Grosse. Die mit der unglaublichen Kraft. Die, die ich so sehr brauchte. Du hast dich durchgekämpft. Jede Hürde hast du ganz allein genommen. Jeder noch so hohen Erwartung hast du dich gestellt. Eigentlich hast du nie jemanden enttäuscht. Du hast immer alles erreicht, was sie von dir wollten. Und noch mehr. Du hast alles geschafft. Und dann war da noch ich. Ich wollte, dass du mich im Arm hältst, während du von Termin zu Termin rennen musstest. Aber noch viel mehr wollte ich die Tränen in deinen Augen verstehen, wenn du mal zur Ruhe kommen konntest. Die Mauer, die du um dich herum erbaut hast, war zu hoch für mich. Das hat wehgetan. Ich habe nie begriffen, dass sie auch mich schützen sollte. Ich wollte sie weghaben. Am besten gleich sofort. Für immer.

Du hast es dir nicht erlaubt, auch mal aufzugeben. Du hast immer weitergemacht. Und sie alle konnten die Mauer nicht sehen, konnten dich nicht fallen sehen. Vielleicht war ich das Lichtlein in der Dunkelheit dort hinten. Doch wer lehrte mir, wie es wirklich geht, zu scheinen? Zu strahlen? Ich wollte doch nur dich. Aber meine endlosen Fragen liessen die Mauer noch höher werden. Ich konnte nicht aufgeben, nicht nachlassen. Vielleicht hab ich das ja von dir. Vielleicht ist meine Hartnäckigkeit auch deine. Genauso wie deine Mauer auch meine war. Gefangenschaft und Rettung zugleich. Himmel und Hölle.

Eine Geschichte, die niemand wirklich hören möchte von Müttern, die Mauern bauen.

Und erst als ich älter wurde, verstand ich: Hinter der Mauer bist nicht nur du. Da ist auch eine Geschichte, die du selbst kaum erzählen kannst, vielleicht nicht mal richtig kennst. Eine Geschichte, die niemand wirklich hören möchte. Eine Geschichte von Frauen, die Mauern bauen, um auch ihre Töchter zu schützen. Mauern, die den Frauen ermöglichen, weiterzumachen. Mauern, die die kleinen Töchter gar nicht verstehen können. Mauern, die sich zwischen die Mama und ihr Mädchen stellen. Mauern, ohne die es trotz allem einfach nicht gehen würde. Ja, es sind Mauern des Schweigens. Und da sind heimliche Tränen. Misstrauen, das sich wie Gift in die Haut der ahnungslosen Mädchen frisst. Mütter, die stark sein müssen, weil sie keine andere Wahl haben. Und kleine Töchter, die als einzige sehen, wenn die Mama mit der riesigen Kraft in tausend Stücke zerbricht. Alles, was bleibt, ist das laute Schweigen. Das kleine Mädchen, das sich nach einer Umarmung sehnt und die grosse Frau, die körperliche Nähe nicht mehr ertragen kann. Da liegt diese Unsicherheit in der Luft, die angespannte Angst und dieser aggressive Schmerz.

Vielleicht waren die Mauern weniger gefährlich als die Freiheit.

Die Geschichte ist länger. Sie beginnt bei ihr mit dem wärmsten Herzen, das eine Frau nur haben konnte. Und doch hat sie uns nie berührt. Sie war immer da für uns und trotzdem so weit weg. Es war, als würde ihr ein Teil von sich selber fehlen. Und all die Erinnerungen waren versteckt hinter ihrer Mauer, die auch dich schützen sollte. Und hinter deiner Mauer, die auch mich schützen sollte.

Komm lass uns die Mauern abbauen. Weisst du, jetzt geht das. Heute ist es ein bisschen leichter, über sowas zu sprechen. Heute hören sie zumindest einmal hin. Heute bekommt man Hilfe, die besser ist als das endlose Mauerbauen. Sie hatte dieses Glück nicht. Sie musste weitermachen, Töchter grossziehen und beschützen trotz ihrer eigenen Hilflosigkeit. Da war niemand, dem sie so sehr vertrauen konnte. Wie gross ihre Angst um dich gewesen sein muss? Vielleicht war sie deshalb manchmal so kalt. Vielleicht war es die beste Lösung. Vielleicht waren die Mauern weniger gefährlich als die Freiheit. Und vielleicht war ihre Kälte auch einfach die Überreste der Liebe, die sie noch zu geben hatte. Die gehörten ganz uns. Die hat sie sich nicht nehmen lassen. Da ist sie wieder, diese Hartnäckigkeit. Die auch deine ist. Und meine. Aber weisst du, heute – ja, heute dürfen wir über den Schmerz reden. Heute müssen wir nicht mehr allein sein. Heute dürfen wir auch mal aufgeben. Heute ist schwach sein manchmal sogar okay. Ja, lass uns zum ersten Mal wirklich gewinnen. Lass uns selber bestimmen, welche Erwartungen wir erfüllen wollen. Und lass uns den Schmerz zulassen. Wir haben ihn von Generation zu Generation getragen, die Mauern sind immer höher geworden. Aber ihre Zeit ist jetzt gekommen. Lass uns ganz viel Mut sammeln und lass uns reden. Lass uns uns in den Armen halten. Lass uns kämpfen für all die Mütter und ihre kleinen Töchter, auf die diese Welt noch wartet.

Alles, was euch blieb, war das schmerzverzerrte Schweigen. Aber heute können wir reden. Und wir sollten nie mehr aufhören damit.

Du bist gefallen und wieder aufgestanden. Jedes einzelne Mal. Du hast alles geschafft. Du hast mich zu der Frau gemacht, die ich jetzt bin. Und all das hast du durch deine riesige Mauer hindurch getan. Stell dir vor, welche Kraft in Frauen steckt, wenn sie solche Mauern nicht mehr brauchen. Welche Liebe sie zu geben haben, wenn ihnen keiner mehr ihre Freiheit nimmt. Wir sollten reden. Jetzt sofort. Und wir sollten damit nicht mehr aufhören. Wir sollten dafür sorgen, dass keine Frau mehr so leiden muss wie sie. Und dafür, dass keine Tochter sich mehr in all den ungeklärten Fragen und der latenten Angst verirren muss.

Ich glaube, ich musste erst erwachsen werden, um zu verstehen, dass ihr all das nicht gegen, sondern für mich getan habt. Dass hinter diesen Mauern eine umfassende Einsamkeit steckt, die ihr mir vorenthalten wolltet. Leere, fehlende Worte. Hilflosigkeit. Und diese Geschichte. Jetzt sehe ich ganz klar vor mir, was ihr alles geschafft habt. Ihr seid alles andere als kaltherzig und feige. Ihr seid Liebe. Ihr wolltet nicht, dass eure Töchter einmal dieselben Erinnerungen plagen wie euch. Aber ihr konntet noch nicht reden. Alles, was euch blieb, war das schmerzverzerrte Schweigen. Deshalb sind die Wunden nie geheilt. Deshalb ist eure Geschichte von Narben übersät. Deshalb tut sie auch den Töchtern weh. Aber dadurch, dass ihr immer weitergemacht habt, habt ihr dafür gesorgt, dass es uns heute besser ergehen könnte. Wir müssen nur eins tun: Reden und zwar über jedes einzelne hässliche und entwürdigende Detail. Über all die Abartigkeit und das Unbegreifliche. Wir müssen zeigen, dass unsere Liebe grösser ist. Die Liebe zwischen Mutter und Tochter. Die Liebe, die sie uns nicht nehmen konnten.

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Für immer, dein kleiner Flughafen-Partner

Warst du nicht immer derjenige, auf den man sich blind verlassen konnte? Und dann bist du einfach gegangen. Ohne einen letzten Brief, ohne ein Wort und ohne kleinste Vorwarnung. Plötzlich warst du weg. Dabei hätte ich dir noch so viel zu erzählen gehabt. Du warst unser Ruhepol und ganz viel Hoffnung. Du hast uns immer wieder zurück auf den Boden geholt. Hast all meine Fragen beantwortet, obwohl ich viel zu viel wissen wollte. Und es gibt doch noch so vieles, das ich von dir hätte lernen wollen. Du hast nie aufgegeben, stattdessen hast du unermüdlich farbige Pläne geschmiedet. Manchmal hast du mich mitgenommen. Es war nicht wichtig, wohin unsere kleine Reise ging. Es war nur wichtig, dass ich dich begleiten durfte. Ich sehe uns noch vor mir, wie wir am Flughafen stehen. Zum ersten Mal sah ich einen Flieger abheben und in den Wolken verschwinden. Du neben mir. Und ich begriff, dass es sowas wie die Unendlichkeit nie geben wird. Alles kommt irgendwann zu einem Ende. Alles tut irgendwann mal weh. Das hast du nur zu schmerzhaft erfahren müssen. Ich glaube, ich konnte dich ein wenig trösten in diesem Moment. Ja, ich glaube, wir waren ein gutes Team auf unseren kleinen Reisen. Ich war der quirlige Wirbelsturm und du die Ruhe mittendrin. Wir hatten beide unsere Geheimnisse. Wir konnten weder allein sein, noch unser Herz verschenken. Vielleicht haben wir genau deshalb dieselbe Sprache gesprochen.

Es ist ein bisschen kälter geworden, seit du weg bist. Für mich warst du ein ganz Grosser. Wegen dir wartete ich stundenlang auf den Postboten. Du warst nie müde, mir zu sagen, wie stolz du auf mich seist. Du hast immer an mich gedacht. Dafür habe ich dir nie genug danken können. Du hast jeden einzelnen Brief, jedes unserer Fotos vorsichtig aufbewahrt. Das alles gehört nun ganz alleine mir. Erinnerungen. Derselbe Sturkopf. Du hast mir die Freude am Schreiben geschenkt. Weisst du eigentlich, wie gut du warst?

Wem erzähle ich denn nun von meinen eigenen Reisen? Wer tröstet mich mit seinen Briefen? Ich vermisse deine Worte, die Briefe. Die Welt, wie du sie geschrieben hast, wäre eine bessere! Nichts und niemand auf dieser Welt wird dich jemals ersetzen können. Aber vielleicht ist das gut so. Und nur damit du’s weisst: Dein kleiner Flughafen-Partner vermisst dich. Ganz schön doll. Und trotz allem mit einem Lächeln im Gesicht.

Warum Solidarität so viel wichtiger ist als Liebhaber und Körperfett

Seit 48 Jahren besitzen Frauen in der Schweiz das Stimmrecht. Es ist also noch gar nicht lange her, dass Frauen politisch so gut wie gar nicht mitbestimmen konnten. In Anbetracht der heutigen Situation ist das schwer vorstellbar. Gleichberechtigung ist in aller Munde, der Hashtag #girlpower erlebt genauso wie die Farbe Pink seinen Höhepunkt. Auch Ratschläge wie „Mach dich nie von einem Mann abhängig!“ erteilen sich besten Freundinnen heute täglich. Und das ist noch längst nicht alles: Feminismus ist sogar cool geworden. Immer mehr Warenhäuser oder Mode-Labels bieten Kleidung oder Gadgets, die mit sogenannt feministischen Sprüchen und Zeichen versehen sind, an. Lidl wirbt mit dem Slogan „Werde Verkaufsleiterin und verdiene garantiert so viel wie deine männlichen Kollegen“ um weibliche Angestellte und Popstars bessern ihr Image damit auf, ihre getunten Instagram-Selfies mit ermutigenden Zitaten über die Weiblichkeit zu schmücken. Der neue Feminismus kommt verführerisch daher: rote Lippen, ein Girl-Power-Tattoo unter der Brust und die neuste Gucci-Tasche in der Hand. Feminismus ist sogar sexy geworden. Oder wurde die feministische Welle viel eher vom Kapitalismus eingeholt und langsam aufgefressen? Was macht eine Frau zu einer Feministin und welchen Feminismus brauchen wir heute? Ist es ein feministischer Akt, sich wochenlang die Achselhaare wachsen zu lassen und damit dem gängigen weiblichen Schönheitsideal den Mittelfinger zu zeigen: „Hey, ich kann genauso gut wie ein Mann zu meiner natürlichen Körperbehaarung stehen.“ 8 Wochen ihres Lebens verbringt eine Frau damit, sich die Körperhaare zu rasieren. 8 Wochen, in denen sie keine Zeit dafür hat, sich mit anderen, wichtigeren Dingen zu beschäftigen. Es gibt viele Argumente dafür, dass eine richtige Feministin auch eine Anti-Kapitalistin sein muss. Doch das ist ein anderes Thema. Genauso wie die Frage ob eine Feministin tatsächlich sexy sein kann oder nur unbequem? Klar ist: Der Feminismus hat sich seit 1971 stark verändert. Ich habe den Eindruck, dass ihm etwas Wichtiges abhanden gekommen ist.

Leider wahr: Dünn sein macht erfolgreich

Wir dürfen und müssen uns darüber aufregen, dass wissenschaftliche Studien die These „dünn = erfolgreich im Job“ für Frauen bestätigen. Das berüchtigte Wohlstandsbäuchlein des Mannes hingegen erweist sich nicht als Hindernis auf dessen Karriereleiter. Das ist unfair und daneben. Doch ist es tatsächlich der richtige Ansatz, mit den Fingern aufs böse alte Patriarchat zu zeigen, um diese Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen? Sind es heute wirklich nur die Männer, die uns vorgeben, wie wir auszusehen haben? Sind es nicht genauso wir Frauen untereinander, die uns mit kritischen Blicken von unten bis oben mustern? Ich persönlich habe öfter erlebt, wie eine Frau eine andere aufgrund von Äusserlichkeiten angepöbelt oder ausgegrenzt hat, als ich das von Männern sah. Instagram und Co. helfen uns dabei, unsere Körper in einen konstanten Wettbewerb zu schicken. Und wir geben den Äusserlichkeiten und diesem ständigen Vergleich viel Macht: „Sie ist dicker als ich, also ist sie keine Gefahr für mich.“ Gegentrends wie Body Positivity sind eigentlich toll. Frauen sollen essen und leben dürfen, wie sie wollen. Frauen sollen ihre Speckröllchen zeigen dürfen, ohne dafür niedergemacht zu werden. Frauen sollen nicht immer schön sein müssen. Doch diese Bewegung hat sich in gewisser Weise verlaufen. #Skinnyshaming hat #fatshaming abgelöst. Korpulente und magere Frauen bekämpfen sich in den sozialen Medien gegenseitig.

Solidarität unter Frauen

Ja, natürlich gibt es ihn noch, den Mann, der einfach gar nichts begriffen hat, und die tollsten Frauen wegen ihres Aussehens beleidigt. Sie öffentlich diskreditiert. Und ja, wir können auf diesen bösen Mann, der Ausdruck des Patriarchats ist, zeigen und ihn hassen. Doch das reicht nicht. Sollten wir Frauen diese Sache vielleicht nicht auch mal unter uns klären? Uns klar machen, dass wir uns damit schaden, wenn wir uns gegenseitig bekämpfen? Es ist richtig, dass wir als Frauen es punkto Karriere leichter haben, wenn wir gut aussehen. Das hat uns sehr wahrscheinlich das Patriarchat eingebrockt. Wir können deshalb eine Kampfansage an die Männer machen und hervorheben, wie ungerecht wir uns behandelt fühlen. Doch wieso müssen wir gleichzeitig auch auf diesen Zug aufspringen und uns gegenseitig wegen unserer Körper anfeinden oder fürchten? Meiner Meinung nach tut das keine Feministin. Eine Feministin zeigt sich solidarisch und reicht anderen Frauen die Hand – egal wie dick, dünn, blond oder klein sie sind. Eine Feministin hört den anderen Frauen zu. Das weibliche Anliegen per se gibt es nicht. In der heutigen Zeit, in der Frauen an die Urne gehen dürfen, gendergerechte Sprache in den öffentlichen Verwaltungen eingeführt werden soll und durch #metoo (hoffentlich) offener über häusliche Gewalt und sexuelle Übergriffe gesprochen wird, müssen die Feministinnen sich neu orientieren. Wir müssen uns zuerst darauf einigen, wofür wir wirklich kämpfen wollen. Erfassen, wo genau die Diskriminierung noch immer besonders deutlich zum Vorschein tritt und uns am meisten trifft. Dazu reicht kein Girl-Power-Tattoo oder ein Simone-de-Beauvoir-Zitat über dem Bett. Das alles macht uns nicht zur Feministin. Heute braucht der Feminismus vor allem eines: Solidarität. Und zwar bedingungslose. Von den 100 grössten Arbeitgebern der Schweiz haben nur gerade 4 eine Frau als CEO – genauso viele CEOs wie auf den Vornamen Urs hören. Auch das ist daneben und zeigt, wie untervertreten Frauen in Führungspositionen sind. Es braucht mehr von uns da oben. Jene Frauen, die es schaffen, sind heute meist kinderlos und schlank. Frauen, die konform sind, und besser in die Männerwelt passen als andere. Frauen, die mit der Fünffach-Mutter aus dem kleinen Bergdörfchen ziemlich wenig gemeinsam haben. Eine Feministin sollte versuchen, zwischen diesen beiden Frauen Brücken zu bauen, sie einander näher zu bringen. Denn erst, wenn die Frauen da oben jene Frauen ganz unten auch wirklich verstehen, kann sich meiner Meinung nach grundsätzlich etwas ändern. 

Die Feministin, die mich wegen eines Mannes zu hassen begann

Eine kleine Anekdote kann das alles vielleicht noch ein bisschen veranschaulichen. In meinem Umfeld gibt es eine junge Frau, die sich als Feministin bezeichnet. Sie setzt sich wirklich vehement für Frauenangelegenheiten ein und versucht, etwas zu bewegen. Doch als sie und ich denselben Mann gut fanden und sein Interesse an mir grösser war als an ihr, warf sie all ihre Prinzipien über Bord. Anstatt mit mir zu sprechen, begann sie damit, falsche Dinge über mich zu erzählen und mich als hässlich zu bezeichnen: „Kotzen könnte ich, wenn ich die sehe!“ Ja, ich bekam das alles mit und es machte mich traurig. Nicht weil mich ihre Beleidigungen trafen. Aus einem anderen Grund. Nur, weil ein gemeinsamer Bekannter mich offensichtlich lieber mochte als sie, zog sie mich durch den Dreck. Den Typen hingegen – der im Übrigen alles andere als immer ehrlich zu ihr war – bewunderte sie weiterhin, machte ihm keinerlei Vorwürfe. Ich also war die Blöde. Dabei hatte ich gar nichts getan. Sie hingegen schon. Sie hat ihm, dem jungen charmanten Mann, wahnsinnig viel Macht gegeben. Weil sie ihn nicht haben konnte, vergass sie alles, was sie über Feminismus und Frauen-Solidarität eigentlich wusste, und begann damit, mich zu bekämpfen. Wegen eines Mannes. Einem einzigen Typen. Krieg. Hätte sie anders gehandelt, mit mir gesprochen, hätten wir gemeinsam aufdecken können, wie unehrlich der ach-so-charmante Typ manchmal war. Wir hätten zusammen ein Glas Wein trinken und über unsere Gefühle reden können. Wir wären vielleicht Freundinnen geworden. Doch zwischen uns stand dieser Mann – weil wir einem möglichen Liebhaber noch immer mehr Wichtigkeit geben als einer tollen Freundin. Da genau liegt unsere Mitschuld an der heutigen Situation: Der Feministin fehlt Solidarität. Und zwar bedingungslose, zwischen die sich kein Kilogramm Fett und kein Mann stellen können.

Wieso es uns nichts angeht, wenn eine lesbische Sängerin eine Frau küsst

Vor ein paar Wochen hab ich mich ein bisschen verliebt. Und ich bin es immer noch. Ich glaube, es hält noch ein bisschen an. Verzaubert hat mich das neue Album der amerikanischen Sängerin LP. Es kommt echt selten vor, dass mich das ganze Werk eines Musikers begeistert. LP kommt aus New York und hat italienische und iranische Wurzeln. Ihre Musik lässt sich nur schwer fassen. Einige ihrer Songs lassen sich eindeutig dem Indie-Rock zuordnen, andere sind Dance-Pop-Stücke und nicht selten wird sie auch als Singer-Songwriterin bezeichnet. Das ist wohl einer der vielen Gründen, weshalb ich mich ein wenig verliebt habe: Ich mag Dinge, die sich nicht so leicht einordnen lassen. Ein weiterer Grund sind die Texte von LP. Häufig sind es sehr persönliche Zeilen über Leidenschaft, zerbrochene Beziehungen und Frauen, die sie liebte. LP nimmt kein Blatt vor den Mund, schreibt, wie es sich anfühlt gerade verlassen worden zu sein. Doch sie tut dies meiner Meinung nach nicht auf eine seichte Art, die nach Mittleid schreit. Auch deshalb hat sie mich verzaubert – weil sie so schön ehrlich und trotzdem derart kraftvoll von Liebeskummer singt, dass man drauflos tanzen will.

Doch eigentlich möchte ich auf etwas ganz anderes hinaus. So schrieb ein Schweizer Medium über LP: LP – ja, sie ist eine Frau, wirklich – wird definitiv keine Eintagsfliege bleiben. Echt jetzt? Schreiben wir nicht bald das Jahr 2020? Und im Lead eines kurzen Artikels über eine herausragende Sängerin müssen ihre Sexualität und ihr Aussehen auf eine solche Art und Weise kommentiert werden? Schon klar, LP kleidet sich nicht wie die typische Frau. Ihre Haare trägt sie als wilde, kurze Lockenmähne – was übrigens zu ihrem Markenzeichen wurde – und ihr Körperbau ist ziemlich burschikos. Trotzdem: Wieso ist das so wichtig, ob sie nun eine Frau ist oder ein Mann? Das hat absolut keinen Einfluss auf ihre Musik, die im Artikel hoch gelobt wird. Es hat ebenfalls keinen Einfluss darauf, was LPs Musik mit ihren Zuhörern macht und darum geht’s doch in erster Linie? Wenn mich ihre Rhythmen mitreissen, ihre Texte mich verstehen und die Melodien mich berühren, wieso soll es dann von Bedeutung sein, ob sie nun ein Mann oder eine Frau ist, oder sich dem dritten Geschlecht zuordnet? Doch tatsächlich scheint es die Leute zu beschäftigen: Als ich kürzlich zwei Freunden von LP erzählte und ihnen ihre Musik zeigte, fragten auch sie mich sofort: „Was, das soll eine Frau sein? Ist das nicht, ääh, irgendetwas dazwischen. Oder wie sagt man das heute?“

Wieso eigentlich?

Ja, LP zeigt sich in ihren Musikvideos mit anderen Frauen – häufig mit ihrer aktuellen Freundin. Ja, LP singt ohne Hemmungen über Frauen, die ihr einst ihr Herz brachen. Und ja, LP singt auch davon, wie sie diese Frauen liebt. Eigentlich hätte ich gedacht, dass das heutzutage kein Thema mehr sei. Wie viele Musiker haben sich schon einmal intim mit irgendwelchen Frauen in ihren Videoclips gezeigt? Wahrscheinlich fast jeder. Doch wenn eine Frau sich mit einer anderen Frau in denselben Situationen zeigt, dann irritiert das noch immer. In meinem Umfeld wird es, so weit ich weiss, akzeptiert, wenn sich zwei Frauen küssen. Vielleicht schaut einer mal zweimal hin, aber es ist völlig in Ordnung. Zum Glück. Und trotzdem ist es noch immer ein Thema. Es wird zwar respektiert, wenn Frauen nicht aussehen wie Frauen und sich untereinander küssen, aber es wird dennoch immer wieder als aussergewöhnlich oder gar als Ereignis besprochen. Männliche Bekannte von mir reagieren häufig auf eine Art, die mir sauer aufstösst: „Wieso finde ich es eigentlich so sexy, wenn zwei Frauen sich küssen? Irgedwie zieht uns Männer das mega an.“ Es ist schwierig, in einem Satz auszudrücken, wieso mich diese Reaktion auf zwei sich liebende Frauen nervt. Doch irgendwie finde ich sie egoistisch. Der Mann drückt sich durch seine Reaktion zwischen die beiden Frauen, die offensichtlich ja mit sich selbst beschäftigt sind und sein wollen. Einmal hätte ich einem Bekannten beinahe geantwortet: „Lass die Frauen sich doch küssen. Das geht dich eigentlich nichts an. Sie tun es für sich, weil sie sich mögen, und nicht, um irgendwelche Männer zu beeindrucken. Ihr Männer solltet euch einfach mal raushalten.“

Hand aufs Herz: Finden es Frauen sexuell anziehend, wenn zwei Männer sich küssen? Falls ja, würden sie dies nie so stolz und öffentlich überall rumerzählen, wie gewisse Männer es tun, wenn sie zwei Frauen zusammen sehen. Wieso, ihr Männer, seid ihr eigentlich auch noch stolz darauf, dass ihr euch davon derart angezogen fühlt? Geht es im Grunde eigentlich einfach darum, dass ihr zu kurz kommt? Weil die beiden Frauen sich gerade lieber miteinander beschäftigen als mit eurer Männlichkeit? Und müsst ihr mit eurer Reaktion euer Revier markieren? Im Sinn von: „Hey, hier bestimme immer noch ich darüber, was sexy ist und was nicht“. Natürlich weiss ich, dass es nicht so einfach geht. Hinter der sexuellen Anziehung stecken noch immer biologische Prozesse. An denen möchte ich auch gar nicht rütteln. Aber trotzdem würde ich mir wünschen, dass zwei sich küssende Frauen einfach in Ruhe gelassen würden. Und, dass das Geschlecht irgendwann nicht mehr erwähnenswert ist, wenn es um Liebe, Musik, Küssen und Gefühle geht. LP berührt mich – vielleicht auch gerade deshalb, weil nicht nur ihre Musik, sondern auch sie selber, sich einfach nicht einordnen lässt.

Oh, baby how could we know
When no laureate could tell us why
And no preacher could decide
Tell me now, oh, baby how could we know
When there is no map, no good advice
And no road to paradise

Zappelphilippa und Hanna-guck-in-die-Luft: Wenn Anderssein nicht nur cool ist

Dieser Text ist ganz schön persönlich. Doch eigentlich soll es hier nicht um mich gehen, sondern um all die Mädchen und Frauen, die sich manchmal ein bisschen falsch fühlen.

Meine Geschichte

Ein bisschen anders war ich schon immer. Disney-Filme, gute Feen, kleine weisse Fohlen, schöne Sommerkleidchen, Bilderbuch malen – mit all dem hatte ich während meiner Mädchenjahre absolut nichts anfangen können. Im Kindergarten sass ich meist hilflos neben meinen Freundinnen, die voller Begeisterung schöne Scherenschnitte anfertigten. Ich selber konnte kaum die Schere in der Hand halten. Auch mit dem Schönschreiben wollte es nicht klappen. Eine Kindergärtnerin teilte meiner Mutter in einem verzweifelten Moment mit, man solle abklären, ob ich mit all diesen Schwierigkeiten vielleicht nicht besser eine Sonderschule besuchen würde. Was mir im Nachhinein auffällt: Ganz alleine stand ich mit diesen Problemen nicht da. Es gab auch den einen oder anderen Jungen in meiner Klasse, der den Buchstaben A hundertmal schreiben musste, bis er entzifferbar war. Wenn sich ein Junge weigerte, die Schere in die Hand zu nehmen, durfte er nach draussen spielen gehen. Gestört hat das niemanden. „Das ist halt ein wilder, ein echter Zappelphilipp“, meinte die Kindergärtnerin und das Thema war durch. Nicht so bei mir. Ich war das komische Mädchen.

Meine späteren Lehrerinnen konnten genauso wenig wie meine Freundinnen verstehen, wieso ich mich strikt und trotzig dagegen weigerte, eine Geschichte über Feen zu schreiben. Meine Beine waren zu jeder Jahreszeit übersät mit blauen, violetten und grünen Flecken. Andauernd fiel ich hin, lief in eine Strassenlaterne oder stiess mit übergrossen Steinen zusammen. Britney Spears war mir vollkommen egal, dafür wollte ich mit fünf Jahren wissen, was denn gerade und ungerade Zahlen seien. Ich glaube, manche fanden mich komisch oder arrogant. Dabei verstand ich schon in diesem Alter nicht, wieso ich mir Geschichten von Feen ausdenken sollte, wenn diese nutzlosen Märchenfiguren sowieso nicht existierten. Und ich konnte mir noch so viel Mühe geben: Stillsitzen und Malen waren für mich echte tägliche Herausforderungen. Manchmal wurde ich wütend, weil ich merkte, dass mir all das nicht gleich gut gelang wie den anderen Mädchen. Ich fühlte mich falsch und ungenügend. Mit sechs Jahren äusserte meine Kinderärztin gegenüber meinen Eltern den Verdacht, dass ich an einem ADHS leiden könnte. Es passte allles zusammen: Meine ganz sonderbare eigene Verträumtheit, die Tatsache, dass ich nie still sein konnte, manchmal aus dem nichts kleine Wutausbrüche bekam und feinmotorisch absolut unterentwickelt war. Nur etwas war komisch: Ich war ein Mädchen. Schliesslich entschloss man sich dazu, keine abschliessende Abklärung durchzuführen. Trotz einiger Schwierigkeiten waren meine schulischen Leistungen gut und ich war durchaus beliebt bei den anderen Kindern. Alles in Ordnung also – irgendwie. Oder?

Mit zwölf Jahren schrieb ich in mein Tagebuch, dass alle anderen Mädchen rund seien, nur ich, ich sei eckig. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch immer mit Ticks wie übermässigem Händeklatschen bei Freude, stundenlangem Gehen im Kreis auf dem blauen Wohnzimmer-Teppich meiner Eltern und nervösen Zuckungen der Bauchmuskulatur zu kämpfen. Meine Familie und Freunde hatten sich daran gewöhnt. Nur manchmal machten sie sich lustig über diese sonderbaren Eigenschaften meinerseits. Ich, die kleine eigenartige Tagträumerin, die sich andauernd verletzte und manchmal viel zu viel redete und nie schlief. Ich nahm mir immer wieder vor, diese Ticks hinter mir zu lassen. Nahm mir vor, mich zu beruhigen. Ich scheiterte jedes Mal. Es war, als hätte ich nicht genug Platz in mir für meine Gefühle und Gedanken. Die Ticks halfen mir, sie auszudrücken, sie rauszulassen. Doch ich wollte nicht länger das eckige Mädchen sein. Ich versuchte, mich zu kontrollieren. Ich schämte mich für mich, weil ich wahnsinnig dünn war und immer irgendwelche Beulen hatte. Manchmal konnte ich wochenlang nicht richtig essen und schlafen. Wie so oft fühlte mich falsch und dadurch auch einsam. Häufig aber war ich ein Energiebündel, mit dem kaum jemand mithalten konnte. Ich war ein regelrechtes Strahlemädchen mit einem Kopf voller neuer Ideen, die sofort, in genau diesem Moment, umgesetzt werden mussten.

Glühwürmchen-Regen in deinem Kopf,
Neonlicht-Feuer im Herzen
und Karussell-Schweben in den Beinen.

Ja, ich glaube, so fühlt es sich an.

Die schwierigsten Jahre sollten mir noch bevorstehen. Nach der Pubertät hielt ich das Gefühl der subjektiven Andersartigkeit nicht mehr aus. Ich beschloss abermals, normal zu werden. Ich wollte die Kontrolle über mich erlangen. Immer wieder zerstritt ich mich mit meinen Eltern, weil ich alle wichtigen Entscheidungen aus dem Bauch heraus traf und zunehmend mehr Mahnungen per Post zugeschickt bekam. Ich begann ein Studium, das ich alle paar Tage wieder abbrechen wollte. Meine Eltern hinderten mich zum Glück jedes einzelne Mal daran. Schliesslich zog ich aus. Das tat mir gut. Aber es änderte nichts daran, dass die Uni ein täglicher Kampf für mich war. Ich hatte immer viel zu viel zu tun: Studieren, Nebenjobs, Hobbys und Freunde treffen. Manchmal überforderte mich das und ich wurde traurig. Was mich aber noch mehr überforderte, war Langeweile. Und die Tatsache, dass ich oft aus einer Laune heraus Dinge tat oder sagte, die ich im Nachhinein selber nicht verstand. 

Irgendwie schaffte ich meinen Bachelor-Abschluss und nur wenige Menschen hatten den Kampf mitbekommen, den ich heimlich mit mir selber führte. Einige wenige Menschen hatten immer an mich geglaubt. Sie hatten mich getragen an jenen Tagen, an denen ich besonders überfordert war und meine Andersartigkeit in geballter Ladung zu spüren bekam. Als einer dieser Menschen wegfiel, merkte ich, dass ich etwas unternehmen musste. Auf der Flucht vor dem Chaos in meinem Kopf überforderte ich mich selber und das rund um die Uhr. Auf der Flucht vor der Realität, in der ich mit all den unbezahlten Rechnungen und kleinen Missgeschicken konfronitiert war, zog ich mich selber immer mehr zurück. Kaum jemand wusste, wie ich mich manchmal fühlte. Ich machte den Anschein, alles im Griff zu haben. Niemand sah die Kraft, die es mir abverlangte, alles irgendwie zusammenzuhalten. Niemand wusste, wie es sich anfühlt, immer ein wenig neben der Spur zu stehen. 

Andersartigkeit und nicht konstruierte Individualität

Und heute sitze ich nun hier. Mit der sehr eindeutigen Diagnose. Was ich damit mache, weiss ich selber noch nicht so ganz. Dinge anzupacken, die nicht superdringend sind, fällt mir noch immer wahnsinnig schwer. Und erzählt habe ich es den wenigsten. Doch etwas liegt mir wirklich am Herzen: Lange Zeit wurde ADHS fast ausschliesslich bei Jungs diagnostiziert. Mittlerweile geht man davon aus, dass ebenso viele Mädchen von dem Störungsbild betroffen sind. Bei rund der Hälfte aller ADHS-Betroffenen beliebt die Störung im Erwachsenenalter bestehen. Momentan wird untersucht und vermutet, dass Mädchen und vor allem Frauen eher zu nach innen gerichteten Symptomen wie Verträumtheit, emotionale Instabilität, Unsicherheit und Überforderung neigen. Jungs und Männer hingegen zeigen häufiger nach aussen gerichtete Syptome wie Aggressivität, Impulsivität und Hyperaktivität. Noch immer wird die Diagnose deutlich mehr Jungen als Mädchen ausgestellt. Ein nicht behandeltes ADHS (und damit meine ich keinesfalls nur den Einsatz von Ritalin) kann zu Suchterkrankungen, Angststörungen und Depressionen führen. Meiner Meinung nach ist es deshalb besonders wichtig, ein Auge auf ADHS-Fälle bei Mädchen und die damit verbundene Symptomatik zu halten. Niemand sollte mit dem Gefühl aufwachsen müssen, nirgendwo reinzupassen.

In unserer Gesellschaft steht Individualität an vorderster Stelle – jedoch nur solange sie auf auf eine bestimmte Art noch massentauglich ist. Fällt jemand wirklich und nicht bewusst aus dem Muster, ist er nicht mehr supercool individuell und etwas Spezielles, sondern eben einfach anders. Einem Mädchen mit ADHS fällt es sehr schwer, sein Auftreten genau zu planen und sich bestimmten gesellschaftliche Vorstellungen zu fügen. Seine Andersartigkeit soll nicht cool sein. Die ist einfach so da. Das ist für sein Umfeld sicher nicht immer ganz einfach. Aber trotzdem: Vielleicht sollten wir als Gesellschaft damit aufhören, konstruierte Individualität abzufeinern. Vielleicht sollten wir besser damit beginnen, uns Andersartikgeiten gegenüber wirklich zu öffnen – nicht nur solange sie auf irgendeine Weise gerade lukrativ oder cool sind. Ja, ich denke, das sollten wir tun. Auch für die kleinen Zappelphilippas unter uns, die Feen und Stillsitzen verfluchen (und damit ja vielleicht gar nicht so falsch liegen).

Internationale Beziehungen: Braucht es neue Theorien, um globale Krisen zu lösen?

Flüchtlingskrise, Umweltkatastrophen, Klimaerwärmung: In der letzten Zeit stellen vermehrt globale Probleme die Regierungen auf der ganzen Welt auf die Probe – und niemand will Schuld daran sein. Brauchen wir in der westlichen Welt des 21. Jahrhunderts vielleicht ein neues Weltbild, damit sich da endlich etwas tut? Unser momentanes Denken ist geprägt von positivistischen Methoden und der Annahme, dass der Staat, respektive das nutzemaximierende Individuum, die kleinsten Analyseeinheiten sind. Die populären westlichen Theorien der Internationalen Beziehungen werden seit 1950 vom Positivismus geprägt. Dieser zeichnet sich durch seine empiristische Epistemologie aus, die die Naturwissenschaften dominiert und später auf die Sozialwissenschaften übertragen wurde. Empirismus definiert ausschliesslich Beobachtbares und Nachweisbares als wahres Wissen und klammert Abstraktes von seinen Untersuchungen aus. Zur Wahrheit kommt man demnach ausschliesslich durch Sinneserfahrungen. Das Ganze umfasst die Grundannahme der Physik, dass die Welt in kleinste unteilbare Einheiten reduziert werden kann, die sich beobachten lassen. Alles Abstrakte fällt weg. Wahrheit muss sich durch die Sinne erfassen lassen, um als solche zu gelten. Doch gerade politische Phänomene wie die internationale Struktur oder der Staat an sich lassen sich schlecht beobachten oder durch die eigenen Sinne erfahren. Ich glaube, genau hier könnte eine Schwierigkeit begraben liegen: Können abstrakte soziale Phänomene, die sich erst durch unsere Sprache gebildet haben, anhand naturwissenschaftlicher Methoden analysiert werden?

Alternative wissenschaftsphilosophische Ansätze sind beispielsweise der Rationalismus oder der Sozialkonstruktivismus. Der zweite Ansatz geht in erster Linie auf die Zeit des Kalten Krieges zurück und vertritt die Ansicht, dass die Welt vielmehr sozial konstruiert ist als rein naturgegeben und materiell. Die Realität ist demnach nicht einfach da, sondern wird erst durch geteilte Ideen erschaffen. Anders als im Positivismus beschreibt eine Theorie die Realität nicht bloss, sondern generiert sie auch. Der Vorrang hierbei gehört den reinen Gedanken und nicht den Sinneserfahrungen. Wissen kann demnach durch reines Denken erzeugt werden. Die Sinneserfahrungen spielen hier keine Rolle. Dass solche Ansätze von kritischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler momentan vermehrt diskutiert werden, wird unter anderem damit zusammenhängen, dass der Positivismus uns zwar unzählige wissenschaftliche Erkenntnisse gebracht hat, die Weltprobleme wie Krieg, Hungersnot und Krankheiten, aber noch nie lösen konnte. Die Frage stellt sich also: Könnte ein neues Weltbild hier weiterhelfen?

„The world is relationships“

In unserer Gesellschaft gilt: Alle Macht dem Individualismus. Das rational handelnde Individuum ist das kleinste Teilchen und damit der Ausgangspunkt vieler Theorien in der Politikwissenschaft. Auch wenn es für manche von uns unvorstellbar scheint, andere Gesellschaften sind bereits geprägt von anderen Grundannahmen. Das Individuum ist dabei viel weniger wichtig. So existiert im asiatischen Raum bereits ein alternatives Denken. Verschiedene soziale Experimente können nachweisen, dass in Asien ein interdependentes Denkschema dominiert. Die Wahrnehmung des Selbst entsteht demgemäss nur in Verbindung mit Anderen und mit der Umwelt. Folglich erscheint es als logisch, dass die neuen Theorien zu den Internationalen Beziehungen aus China nicht das Individuum, sondern die ganze Familie als kleinste Einheit definieren. Diese Theorien sind sich noch am entwickeln und im Westen kaum bekannt. So heben Theorien wie etwa jene von Qin Yaqing und Zhao Tingyang den Relationalismus hervor. Es geht nicht um Individuen, nein, es geht um Beziehungen. Tingyang plädiert für einen holistischen Ansatz der internationalen Beziehungen, wobei die Welt als Ganzes, anstelle der einzelnen Nationalstaaten oder die Individuuen, die zentrale Analyseeinheit darstellt. Dabei soll die Weltbevölkerung wie eine erweiterte Familie betrachtet werden und ebenso handeln. Es existiert keine klare Trennung zwischen Subjekt und Objekt. Mit der Aussage: „The world is relationships“ impliziert Tingyang, dass die Realität geprägt ist von den dauernd wechselnden Beziehungen zwischen den Akteuren und sich mit diesen folglich immer verändert.

In der Wissenschaft lässt sich ein Trend zu interdisziplinären Disziplinen feststellen. Dabei wird Wissen aus verschiedenen Wissenschaften in eine Beziehung zueinander geführt und verknüpft. Das könnte ein erster Ansatz eines holistischeren Denkens sein, der hier im Westen Einzug nimmt. Ein solches Denken stellt eine interessante Alternative zum Individualismus dar. Um sich immer mehr in diese Richtung zu bewegen, müsste sich jedoch jede wissenschaftliche Disziplin selber erst einmal hinterfragen und anschliessend damit beginnen, sich vermehrt mit anderen Erkenntnissen zu verbinden. Die Vorstellung, dass die existierenden Denkschemata in der westlichen Wissenschaft ohne Anreize von aussen, etwa durch ein Katastrophenereignis, über Bord geworfen werden, ist doch sehr unwahrscheinlich. Sinnvoll wäre dies jedoch – denkt man etwa an globale Krisen wie den Klimawandeln oder die jüngste Flüchtlingskrise, wo keiner zuständig sein will. Das Bewusstsein einer möglichen universellen Verbundenheit würde das Verhalten einzelner Staaten in entsprechenden Problemlagen sicherlich stark verändern. 

Was ich noch sagen wollte: Danke!

Und plötzlich warst du da. Wie aus dem Nichts mitten in meinem Leben. Ohne Fragen, aber mit tausend Antworten. Du warst mein bester Freund, als ich dringend einen brauchte. Du warst mein einziges Zuhause. Du warst die Hand, die mich nicht losliess. Du warst anders, hast nie nach dem Warum gefragt. Und immer, wenn ich davonrannte, bist du mitgekommen. Du bist jeden Morgen neben mir aufgewacht, als mir die Kraft zum Aufstehen fehlte. Du bist geblieben. Aus dem Nichts, mitten in meinem Leben, immer da für mich. Ohne dich hätte es viel zu oft nicht geklappt. Du hast mir den Mut geschenkt, wieder Berge zu besteigen. Deine Kompromisslosigkeit war mein Leben, deine Blumen mein Anfang. Du warst perfekt unperfekt. Du warst mein stilles Rettungsboot mitten in der Nacht. Ja, – auch wenn es noch so klischeehaft und rosarot klingen mag – ohne dich wäre jetzt alles nichts. Ich konnte es dir nie sagen und du wirst das hier nie lesen, aber weisst du: Du bist der beste Mensch, dem ich je begegnet bin. Du bist Grosszügigkeit und Geduld. Du bist Verlässlichkeit und Vernunft. Du bist Spass und Stärke. Du bist all das, wofür ich je dankbar sein werde. Von dir geliebt zu werden, ist ein Geschenk, das ich nie wirklich annehmen konnte. Danke, dass du da warst. Danke, dass du mich an Land gezogen hast. Und vor allem danke dafür, dass du mir die Berge zurückerobert hast. Ich muss sie nun alleine besiegen. Ich glaube, das gehört sich so. Und jedes Mal, wenn ich auf einem Gipfel stehe, denke ich an dich. Du warst der Anfang und das hält für immer an.